Ich rollere mein Boot zum Strand hinunter. Die an der langen Schnur aufgefädelten Blechbüchsen scheppern über den Asphalt. "Just worried!" prangt auf dem Pappschild, das an meinem Rücken klebt. Ich komme gerade von der Arbeit und irgendwie müssen mir da Schild und Büchsen angehängt worden sein. Ich habe es gar nicht bemerkt. Ein paarmal habe ich versucht, das Schild abzuschütteln, doch vergeblich, ich bin regelrecht verheddert mit ihm.

Unten am Strand setze ich das Boot an den Spülsaum, mein Blick schweift taxierend über das Wasser in meine nahe Zukunft. Das Meer hält nicht hinter dem Berg mit dem, was es für mich bereit hält. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, in seinem Antlitz zu lesen, seine Befindlichkeit und Stimmung mit wenigen Blicken zu erfassen. Es ist häufig sehr launisch aber nie böswillig. Heute ist es irgendwie nicht greifbar, nicht Fisch nicht Fleisch, nicht Sturm nicht still, nicht grau nicht blau.

Wie ein waidwundes Walross arbeite ich mich ins Wasser, mein Boot krächzt ab und zu über die schmerzhaften Schrammen, die ich ihm beim Rutschen über die harten Steine zufüge. Ich bitte um Nachsicht. Dann werden wir leicht — das Wasser übernimmt unser Gewicht.

Ich fühle mich unbequem, die Jacke klebt am Hals, der Sitz drückt, die Brille verschmiert, die Paddelleine vertüddelt, es ist kalt. Und das Schild nervt, es nervt gehörig. Mürrisch mache ich meine ersten Paddelschläge. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich hin will, aber ich weiß, dass ich fort will, dass ich aufs Meer will, nein, dass ich aufs Meer muss. Also ergebe ich mich in die Unbequemlichkeit, tauche das linke Blatt ein, das rechte, das linke…​

Hier unter der Landabdeckung ist alles noch gemütlich und wenig fordernd. Wie als wollte mir das Wasser eine gewisse Gnade erweisen, verschont es mich noch mit Wellen und Wind. Ich habe Zeit, in Tritt und Trott zu kommen. Und ich brauche sie. Die am Heck angebundenen Blechbüchsen machen zwar keinen Lärm mehr, aber sie hindern mich doch. Es dauert eine gewisse Weile, bis ich mit den Gegebenheiten ausgesöhnt bin, gerade so lange, wie mir die relative Ruhe gegönnt ist.

In der zum Meer hin offenen Bucht geht eine lebhaftere See. Der Blick zum Strand verliert die Details, die Dinge werden zur Kulisse. Ein anderes Ufer gibt es nicht, nur diese imaginäre Grenze zwischen Grau und Grau, zwischen Wasser und Luft, zwischen Himmel und Erde. Irgend etwas sagt mir, dass in dieser Richtung das Ziel meiner Fahrt liegt. Ich muss morgen unbedingt noch den Raum reservieren lassen. Und den Projektor.

Es ist eine Ödnis, die sich vor mir auftut, nirgends Abwechslung, eine Szene, die das Auge bindet, alles eintönig, grau. Was mache ich hier? Warum zieht es mich dort hin, wo kein Ort ist, keine Richtung, kein Ziel? Ich weiß es nicht, aber es zieht. Warum paddle ich nicht auf einem lieblichen See, an dessen Ufer Entenküken schwimmen, wo man Adler und Eisvögel sehen kann? Oder wo schöne Frauen am Ufer flanieren? Hier ist nichts und passiert nichts und ich müsste noch so viel vorbereiten.

Die Bucht ist weiter geworden, das Ufer zu einem Streifen und der Blick kann sich frei entfalten. Ich mache einen tiefen Atemzug. Nein, es ist kein Atemzug. Wir machen so etwas mit unseren Lungen und der Luft, aber es ist kein Atemzug, es ist irgendetwas ganz anderes. Und es tut gut. Das Gemüt wird ruhig, all meine Existenz versammelt sich wieder in meinem Wesen. Ich paddle still in mich hinein. Die Welt um mich verschwimmt, reduziert sich auf mein unmittelbares Gesichtsfeld, verschwindet. Hier im Nichts haben die Gedanken Raum und sie recken ihre Glieder. Nichts, was sie reizt, was sie erdrückt. Von ganz allein wird sichtbar und drängt sich in den Blick: das Hier, das Jetzt, das Ich und das mystische Meer.

Ich schaue über meine wüste Umgebung. Wo vorher einfach nichts war, nehme ich die Wellen jetzt wahr. Sie tauchen auf und tauchen unter, sind bald hier und dann da, sie brechen sich und rauschen. Es scheint ein Leben dahinter zu stecken, eine Unruhe, eine Energie, ein Drang, der Betätigung sucht. Unter der Oberfläche scheint es etwas zu geben, was Seele hat, was Tiefe hat, was versucht, in tausend Formen auszudrücken, was nicht gesagt werden kann, in tausend Farben auszumalen, was nicht dargestellt werden kann. Es scheint, als singe und tanze es seine Freude über das bloße Dasein aus sich heraus und sprühe sie jedem ins Gesicht, der seine Sinne dafür öffnet.

Die Wellen werden aufdringlicher, fordernder, kecker — meinen sie mich? Hier ist sonst niemand, wir sind allein, wen sollte das Meer sonst meinen? Ich lasse mich drauf ein und gebe mich den Wellen hin. Ich kämpfe nicht mehr gegen sie sondern nehme ihren Rhythmus in mich auf, treibe an, wenn sie den Weg freigeben und verhalte, wenn sie sich sperren. Immer mehr verschmilzt mein treibendes Schwingen mit dem wogenden Wiegen des Meeres zu einem gemeinsamen Klang.

Ich bin warm, ich fühle das kühle, frische Wasser und genieße es. Über meinem Paddelblatt ist es glasklar, farblos. In einiger Entfernung ist es stahlgrau. Dann hellblau, blaugrau, stahlblau, blauschwarz. Dann, wenn man genauer hinsieht, ist es gelblich, violett, rosa und grün. Es ist so unbeschreiblich farbig und immer wieder anders, es vereint die fantastischsten Farben in vollkommener Harmonie und es gibt keine Sekunde, in der es gleich aussieht. Kein anderer Stoff kann in dieser Vielfalt schimmern.

Die Frage, wo ich hin will, ist abgewaschen, aufgelöst. Ich bin hier — an keinem Ort zwar aber doch am Ziel.

Später rollere ich mein Boot zurück zum Auto. Das Schild an meinem Rücken und die Büchsen sind längst vergessen, irgendwann müssen sich die Knoten gelöst haben. Manchmal scheint es sich bergan leichter zu rollern als bergab. Jemand hat mit dem Finger in den Schmutz auf meiner Heckscheibe geschrieben: "Just merried!".

Wueste

Altenholz, den 28. Februar 2004