Vorwort
Dieses Jahr war ich zu Claas' 50sten Geburtstag eingeladen. Da gab’s viele lange nicht gesehene Bekannte zu sehen und Bilder von früher. Unter diesen Bildern waren auch einige, auf denen unser gelber Bus zu sehen war. Das hat mich an die Zeit unseres gemeinsamen Lebens erinnert, an eine Episode, die exemplarisch für manches in unserer Beziehung war. Während ich mehr in mir und den Gegebenheiten ruhte, war Claas eher auf der Suche nach Neuem, nach Reizvollem. Es bestand ein stillschweigendes Übereinkommen, dass wir unser Leben gemeinsam führten, dass der eine den anderen ohne Arg in seine Pläne einbaute, dass eine unbedingte Freundschaft zwischen uns galt.
Der Bus war eine selbst gestellte Aufgabe, die eine Weile den Fokus auf sich zog, die nicht immer einfach war, die Spaß gemacht hat, die Mühe und Geld, Schweiß und Schmerzen gekostet hat, die wir zusammen gewuppt und durchlebt haben. Sie ist eine Allegorie für viele andere Episoden, die uns gefangen und gefesselt haben, bis ihre Bedeutung schwand, sie verblassten und anderen Inhalten wichen.
Als ich die Bilder des gelben Kastens von damals sah, kamen mir im Geiste so viele Anekdoten hoch, dass ich dachte, es wäre gut, sie einmal aufzuschreiben. Das ist hiermit geschehen --- und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Es ist nichts erfunden, um eine gute Geschichte zu gestalten! Es hat sich alles tatsächlich so ereignet wie geschildert!
Der Keim
Claas und ich saßen schon eine ganze Weile an unseren Diplomarbeiten. Jeden Morgen brüteten wir ab etwa neun Uhr im Institut über unseren Aufgaben. Bis zwölf mussten wir irgendwie forschen und uns beschäftigen, denn erst dann machte die Mensa auf, was als Highlight des Tages lockte. Dort konnte man sich gut zwei Stunden beschäftigen, denn ständig trafen andere Bekannte ein, mit denen man schnacken musste. Aber irgendwann ließ sich die Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht mehr länger hinausschieben und wir mussten zurück, ich zu meiner partiellen Differentialgleichung, die so simpel aussah aber leider doch nicht analytisch zu lösen war und Claas zu seinem ?
Das war natürlich alles andere als erfüllend. Also sann der unbefriedigte Geist auf Abwechslung.
Eines Tages kam Claas mit der Idee, dass die Post regelmäßig ihre alten Paketbusse verkauft und dass in Celle gerade einer für kleines Geld zu haben war. So ein Paketbus bietet allerhand Möglichkeiten! Ein paar Kisten und Matratzen rein und schon hat man das schönste Campingmobil! Das Ding sollte zwar einen Getriebeschaden haben und nicht fahrbereit sein, aber es war ungemein günstig und für zwei unausgelastete Ingenieure wie uns genau das richtige Projekt, dem Leben wieder Sinn zu verleihen.
Der Deal
Eines schönen Tages haben wir Differentialgleichungen Differentialgleichungen sein lassen und sind nach Celle gefahren. Der dortige Betriebshof der Post war schnell ausfindig gemacht, das Corpus Delicti ebenfalls. Getriebeschaden - hmm. Die Diagnose hörte sich eher unqualifiziert und aus Ratlosigkeit gestellt an, als dass wir sie glauben mochten. Da mussten wir selber mal nachsehen, was dem Patienten denn fehlte. Die Mitarbeiter der Post waren uns behilflich, indem wir das notwendige Werkzeug von ihnen leihen konnten. Nur wenige Minuten später hatten wir den Schalthebel samt abgebrochener Aufnahme in der Hand. Okay - wenn der Hebel die Kraft nicht mehr ins Getriebe übertragen kann, nützt das beste Getriebe nichts - auch nicht, wenn es heil ist, wovon wir mittlerweile felsenfest überzeugt waren.
Wir befanden uns schließlich auf einem Betriebshof der Post, dort muss sich doch ein Schweißgerät finden lassen. Gesucht, gefunden. Wir ließen kurz zusammenschweißen, was zusammengehört. Teil wieder eingebaut, ausprobiert - alles chico! 1450,- DM sollte das schöne gelbe Teil kosten - ein Betrag, den wir gerne bezahlten.
Ich durfte die Kiste dann nach Braunschweig zurück bugsieren und konnte sie gleich live erleben. Sie kam nahezu mühelos auf 80 km/h und zog erstaunlich gut an. Allein die Geräuschentwicklung war nicht unerheblich. Aber das war weder überraschend noch hätte es uns von unserem Vorhaben abbringen können.
"`Vor das Vergnügen haben die Götter das Schweißen gestellt!"'
Natürlich hatte das Gefährt einige Schadstellen, wo das Blech durchgerostet war. Nichts großes, nur so’n paar kleine Stellen eben. Das mussten wir natürlich noch richten. Außerdem wollten wir den Wagen ja noch etwas ausbauen, bevor wir ihn als Campingmobil nutzen konnten. Also haben wir die Kiste auf den Hof von Solvis gestellt, wo er erst einmal bleiben konnte, ohne angemeldet zu sein.
Fortan war es wieder möglich, den Tag sinn- und planvoll zu gestalten. Morgens wurde forsch geforscht, die Mittagspause auf eine Stunde eingedampft und dann ging’s ab zum eigentlichen Inhalt unseres Daseins. Jörn verfügte zum Glück über ein ziemlich professionelles Schutzgasschweißgerät, das wir leihen konnten. Ein kleines Stück Blech, etwa einen viertel Quadratmeter, hatten wir noch, so dass wir schon einmal anfangen konnten. Einige erneuerungsbedürftige Stellen konnte man bereits so sehen, ein paar mehr kamen zum Vorschein, nachdem wir den kompletten Boden der Ladefläche ausgebaut hatten. Alles nur Kleinigkeiten, nicht der Rede wert. Zur Sicherheit kauften wir aber doch noch ein weiteres Blech von etwa anderthalb Quadratmetern, damit wir nicht knausern mussten.
Da ich noch nie geschweißt hatte, musste Claas mich erst einmal in die Geheimnisse des Schutzgasschweißens einweisen. So habe ich anfangs also vornehmlich die Blechstücke zurecht geschnitzt, damit Claas sie fixieren konnte. Die Flicken entsprachen in ihrer Größe zuerst etwa einer Scheckkarte bis Postkarte. Leider stellte sich auch bei uns der physikalisch unvermeidliche Effekt ein, dass, wenn man den Flicken zu dreiviertel fixiert hatte, plötzlich das Originalblech weg brannte, weil da wohl doch mehr Rost unter dem Lack lebte, als man von außen vermutet hätte. Zudem zeigte sich, dass auf der Ladefläche wohl mal ein Behälter mit Säure ausgelaufen sein musste, denn da waren ganze Bereiche, die vollkommen marode waren und bei der leichtesten Berührung mit dem Schweißdraht einfach wegbrezelten. So wurden unsere Flicken immer größer, die Ausbesserungen immer großzügiger und unsere Blechschneide-, -biege- und -schweißkünste immer ausgefeilter. Unnötig zu sagen, dass das eigentlich großzügig bemessene Blech nicht ausreichte und wir dieselbe Menge noch einmal nachkaufen mussten.
Wenn man so einen Flicken rundherum festgeschweißt hat und das Werk betrachtet, stellt sich eine wirklich tiefe, alles durchflutende Zufriedenheit ein: Dieser Bereich wird wenigstens die nächsten hundert Jahre halten! Um das Ganze abzuschließen, müssen die Nahtstellen immer noch mit der Flex geebnet werden. Auch die Flex hat Jörn uns geliehen und war wie das Schweißgerät kein Heimwerkerwerkzeug. Anfangs war mir die Sache mit den Ohrenschützern häufig zu doof, so dass ich die Naht schnell mal ohne die Dinger glattgebügelt habe. Wenn ich dann den ganzen Tag "`schnell mal ohne"' geflext hatte, klingelte es mir noch drei Tage lang in den Ohren. Da hab ich dann doch meine Vernunft entdeckt und die Micky-Mäuse aufgesetzt.
Eigentlich herrschte während der gesamten Zeit schlechtes Wetter, was uns aber nicht weiter gestört hat. In so einem großen Auto mit herausgenommener Ladefläche hat man auch bei Regen immer ein Dach über dem Kopf. Das Lackieren war keine wirkliche Arbeit mehr und das Zusammenbauen der unsere Arbeit krönende und zu würdigem Ausdruck bringende Abschluss unseres Sommers. Es war auch an der Zeit, denn auch unsere Diplomarbeiten neigten sich ihrem Ende.
Die Anmeldung
Wir waren furchtbar zufrieden mit unserem Ergebnis, aber die Behörden mussten uns auch noch ihren Segen geben. Das sollte eigentlich kein Problem sein, dachten wir. War es auch nicht, bis die TÜV-Beamten nach dem Fahrtenschreiber fragten. Da gab’s erst einmal große Fragezeichen in unseren Gesichtern. "`Wieso Fahrtenschreiber?"' "`Europa-Vorschrift. Bei einem Fahrzeug mit viereinhalb Tonnen zulässigem Gesamtgewicht muss ein geeichter Fahrtenschreiber vorhanden sein."' Punkt! So ein Ding kostet über fünfhundert Mark. "`Und wieso konnte die Post das Ding ohne Fahrtenschreiber fahren?"' "`Weil die Post eben die Post ist und eine Ausnahmegenehmigung hat!"'
Wir haben noch einige hilflose Argumente abgesetzt, aber die Herren ließen sich nicht erweichen. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass wir den Sommer über einen zwar sehr spaßigen aber doch recht kostspieligen Schweißkurs gemacht hatten und das Ergebnis irgendwo als Gartenlaube einsetzen könnten. Da kam Claas mit der Frage "`Und wenn wir das im Fahrzeugschein eingetragene zulässige Gesamtgewicht einfach soweit reduzieren, dass wir unter die Grenze fallen?"' "`Das geht."' Ich dachte, ich höre nicht richtig! Wir sind verzweifelt, wissen nicht, wie wir die Kuh mit dem Fahrtenschreiber vom Eis kriegen und der Typ denkt nicht daran, von sich aus einen gangbaren Weg aufzuzeigen. Ich wäre nie auf die Möglichkeit gekommen, dass man das zulässige Gesamtgewicht einfach geringer angeben kann als es sich aus den konstruktionstechnischen Daten ergibt.
Luft im Getriebe!
Irgendwann während eines Besuches bei meinen Eltern kam mein Vater auf die Idee, die Ladefläche des Busses mit den Abmaßen eines Renault R4 zu vergleichen. Mein kleiner Bruder hat vor einiger Zeit aus zwei halbdefekten R4s einen fahrtüchtigen Wagen und einen Schrotthaufen produziert. Da dazu ein Tausch der Motoren notwendig war, hat er die Aktion in der Werkstatt eines Freundes unseres Vaters vorgenommen. Und natürlich stand der Schrotthaufen immer noch auf dem Hof des Freundes. Da ein Auto, dessen Motor sich auf dem Beifahrersitz befindet, nicht gut zu fahren ist, nagte in meinem Vater (wieso eigentlich nicht in meinem Bruder?) schon seit längerem die Frage, wie man dem Freund das Ding wieder vom Halse schaffen könnte. Einige Anrufe und gewissenhaftes Messen mit dem Zollstock auf beiden Seiten der Leitung ließen keinen Zweifel: Das passt!
Der Hof lag etwa 30 Kilometer vom Haus meines Vaters entfernt - irgendwo im Wald vor Rendsburg. Mein Tank war nicht mehr ganz voll, aber 30 Kilometer sind ja auch nicht die Welt. Beim Freund angekommen, stellte sich die Frage, wie man denn den Wagen auf die circa einen dreiviertel Meter über dem Bodenniveau befindliche Ladefläche bekommt. Freiwillig rollt so ein Ding jedenfalls nicht bergauf und hochheben kann man es zu dritt auch nicht. Zum Glück fanden sich zwei T-Träger, die wir als Schienen an die Ladefläche anlegen konnten, so dass wir schon mal eine Rampe hatten. Zusätzlich wurde vorne noch ein Seil befestigt, so dass wir sowohl ziehen als auch schieben konnten. Problematisch war, dass wir, wenn der Wagen einmal auf der Rampe war, nicht mehr innehalten konnten, denn dann wäre er uns rückwärts wieder runtergerollt und hätte uns vermutlich unter sich begraben. Es ist mir nicht mehr ganz klar, wie wir es überhaupt schaffen konnten, dieses Ding auf den dermaßen schmalen und steilen Schienen in die Luke zu bugsieren, aber irgendwie haben wir es geschafft. Und er passte wirklich saugend, schmatzend in den zur Verfügung stehenden Raum! Leider befand sich aber mein Vater, der ihn ja vorne am Seil gezogen hatte, noch vor dem Wagen und musste irgendwie wieder heraus. Zum Glück gab es aber ganz oben noch eine kleine Lücke, und zum Glück ist mein Vater recht klein und schlank, so dass er sich dadurch herauszwängen konnte. Die beiden Türen hinten gingen nun nicht mehr richtig zu, also haben wir sie kurzentschlossen zusammengebunden, damit sie nicht hin und herschwangen.
Frohen Mutes traten wir den Rückweg an. Um festzustellen, wie viel Sprit ich noch hatte, bin ich extra noch einmal angehalten und habe den Zündschlüssel gezogen. Man sah deutlich, wie die Nadel ein Stück nach oben ging, als ich den Schlüssel wieder ins Zündschloss steckte. Damit schaffen wir locker 30 Kilometer! In Schleswig direkt neben dem Wikingturm weitet sich die Bundesstraße von zwei auf vier Spuren - und unmittelbar gefolgt von diesem Ereignis spürte ich ein Gefühl, dass ich nur zu gut aus der Fahrschule kannte und mir da immer schon die Nackenhaare aufgerichtet hat: Dieser abrupte und charakteristische Übergang eines Dieselmotors aus der Schubphase, in der er Kraftstoff verbrennt, zur Schlaffphase, in der er trotz durchgetretenen Gaspedals keinen Druck mehr auf die Welle bringt, weil er Luft aus dem leeren Tank ansaugt! Ungut!
Da standen wir nun - Sonntag Abend um 22.00 Uhr mitten auf der Bundesstraße. Zum Glück war die Fahrbahn vierspurig. Auch wenn es keinen Standstreifen gab, konnte der um diese Zeit dünne Verkehr ziemlich ungehindert an uns vorbei fahren. Und wir waren nicht mitten in der Pampa liegen geblieben sondern in relativer Nähe zur Zivilisation in Form von Tankstellen. Mein Vater bot sich an, Sprit zu holen, hatte aber kein Geld dabei, so dass ich ihm mein Portemonnaie gab. Einen Reservekanister hatten wir natürlich auch nicht! Ich hab mir gleich das Warndreieck rausgesucht und machte mich damit auf den Weg in Richtung Rendsburg. Ich war noch keine zwanzig Meter vom Bus entfernt, da sah ich auch schon einen Streifenwagen entgegenkommen. Er bremste ab und hielt an. Mist! Ich hatte nicht die Spur irgendwelcher amtlicher Papiere bei mir. Alles was man als Ausflucht hätte vorbringen können - Studentenausweis, Impfpass - war im Portemonnaie, mit dem mein Vater unterwegs war.
Die Beamten fragten mich, was denn das Problem sei und ich unterrichtete sie, dass uns halt nur der Sprit ausgegangen aber schon jemand unterwegs sei, neuen zu holen. Ob sie meine Kollegen benachrichtigen sollten? Ich musste erst etwas über diese Frage nachdenken, bis mir der Aufkleber auf unserer halb geschlossenen Heckklappe ins Auge sprang: "`Das Postpaket"' stand da drauf. Ich hatte immer schon mal überlegt, ihn umzuändern in "`Das Rostpaket"' war im Moment aber froh, es noch nicht getan zu haben. "`Nicht nötig! Wir kommen schon klar!"', war meine viel sagende Antwort. "`Sagen Sie: Ist das nicht ein Auto da hinten drin?"' "`Doch, doch. Das ist ein R4!"', sagte ich so selbstverständlich wie möglich. Während die Beamten ungläubig und kopfschüttelnd am Auto vorbeikrochen, trabte ich betont langsam mit meinem Warndreieck weiter die Straße hinauf, mich immer umsehend, ob sie nicht endlich weiterfahren würden. So kam das Dreieck dann tatsächlich fast die vorgeschriebenen hundert Meter vom Fahrzeug entfernt zu stehen.
Während ich auf meinen Vater warte, mache ich noch einmal den Test: Auch bei vollkommen leerem Tank bewegt sich die Tanknadel übrigens ein Stück nach oben, wenn man den Zündschlüssel reinsteckt! Gut zu wissen! Nach einer knappen dreiviertel Stunde kommt mein Vater mit zwei anderthalb Liter fassenden gebrauchten Ölbehältern voller Diesel zurück. Nicht eben viel aber bis nach Hause sollte es reichen. Unnötig zu sagen, dass wir natürlich auch keinen Trichter oder sonst ein geeignetes Hilfsmittel dabei hatten, das es uns erleichtert hätte, das kostbare Nass in den geschickt hinter dem Karrosserieblech zurückstehenden Tankeinfüllstutzen zu gießen. Die Plastikkanister waren zu breit, als dass sie durch die Tankklappe gepasst hätten und die Flüssigkeit verließ ihr Gehäuse in arg unregelmäßigen Schwällen, so dass ein Großteil einfach vorbei plemperte.
Während ich so am plempern bin, kommt abermals ein Polizeiwagen gefahren. Zuerst bin ich überzeugt, dass es die Beamten von eben sind, muss nach ihren ersten Fragen aber erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass sie nichtsahnende Kollegen sind. Sie steigen aber ebenso wenig aus und kommen auch nicht auf die Idee, mich nach meinen nicht mitgeführten Papieren zu fragen, sondern monieren nur, dass ich nichts vorbeischütten soll beim Einfüllen. Ich gebe mir krampfhaft Mühe, wenigstens für den Moment, da sie so kritisch gucken, nichts zu verplempern und sehe erleichtert, dass auch sie weiterfahren.
Wenn wir Glück hatten, habe ich vielleicht zwei Liter Sprit in den Tank bekommen. Bevor der wirken kann, muss natürlich noch die Luft aus den Leitungen. Ich weiß nicht mehr wie, aber die Pumpe dafür habe ich schnell gefunden. Wie man die bedient, ist mir aus meiner Fahrschulzeit noch geläufig: Aufdrehen und pumpen bis keine Luftblasen mehr kommen. Im Dunkeln ist das nicht besonders gut zu sehen, da muss das Gefühl sagen, wann es gut ist. Der Startversuch straft das Gefühl Lügen, also noch einmal pumpen. Und starten. Und pumpen - und starten. Und irgendwann ist auch die beste Batterie einmal am Ende.
Wir mussten einsehen, dass wir mit diesem Plan hier auf absehbare Zeit wohl nicht wegkommen würden. Also brauchten wir Unterstützung. Mein Vater ging abermals mit meinem Portemonnaie los, um meinen Bruder anzurufen. Es sollte ein kräftiges Abschleppseil mitbringen. Was mich wirklich überrascht hat, war die Tatsache, wie viele Autos trotz des schwachen Verkehrs und der für solche Aktionen nicht gerade einladenden Tageszeit mit zugehöriger Dunkelheit angehalten haben, um uns zu fragen, ob sie helfen könnten. Das hätte ich niemals erwartet, wenn mich vorher jemand nach meiner Einschätzung dazu gefragt hätte.
Der Wagen meines Bruders war ein R9 - nur wenig größer als der auf der Ladefläche stehende R4. Aber er hatte einen vollen Tank und einen laufenden Motor! Das Abschleppseil machte einen soliden Eindruck, war aber eben nicht länger als Abschleppseile nun mal sind. Das Anfahren ging besser als erwartet - immerhin zog der kleine Wagen etwa das Dreifache seines eigenen Gewichtes. Bis zur Talbrücke verläuft die Landschaft auch ziemlich waagerecht und aufgrund des guten Beginns sah ich mich veranlasst, mal einen Startversuch zu wagen. Der verlief nicht nur ergebnislos sondern reduzierte unsere Geschwindigkeit auch noch dramatisch, so dass wir uns die lange Steigung hinter der Brücke nur ausgesprochen mühselig hoch quälten. Bis kurz vor der Einfahrt in die kleine Seitenstraße, an der meine Eltern wohnen, ging eigentlich alles recht gut. Das Problem war, dass natürlich der Bremskraftverstärker des Busses nicht funktionierte, weil ja der Motor nicht lief. Die Bundesstraße verläuft bis zu der Seitenstraße ziemlich gerade und leicht abschüssig, so dass wir etwa eine Geschwindigkeit von fast 70 km/h drauf hatten. Im Normalbetrieb ist es keine Kunst, die auf guten hundert Metern soweit zu drosseln, dass man die Kurve kriegt. Mit einem LKW von 1,5 Tonnen Eigengewicht, weiter beschwert mit einem circa 700 kg schweren Schrotthaufen ohne Unterstützung eines Bremskraftverstärkers ist das durchaus eine Kunst!
Während mein Bruder also ganz entspannt die Bremse tritt und seine Fahrt verlangsamt, stehe ich im Wagen hinter ihm mit all meinem Gewicht und all meiner Kraft auf der Bremse und mit all meinem Schweiß auf der Stirn. Denn der Abstand zum ziehenden Fahrzeug verringert sich bedrohlich schnell und ich weiß, dass ich eine Kollision nicht verhindern kann. Ich sehe mich schon den R9 an der Einfahrt vorbei schieben, als er kurz vor der Karambolage abbiegt und ich hinterher --- überraschender Weise sogar ohne dass der Bus umkippt.
Für heute habe ich genug. Das Ausladen des Schrotthaufen verschiebe ich auf den nächsten Tag und haue mich erst einmal ins Bett.
Der nächste Tag ist hell und der Tank aus einem richtigen Reservekanister schnell befüllt. Jetzt sieht man auch die Luftblasen im Kraftstoffschlauch bei der Pumpe ganz deutlich. Ich will noch vor dem Mittag losfahren, habe also massig Zeit. Ein bisschen Pumpe losschrauben und pumpen führt allerdings nur dazu, dass sich die Luftblasen im Schlauch hin und her bewegen. Nun ist die Pumpe tatsächlich etwas ungünstig eingebaut, so dass ich nicht meine volle Gewalt entfalten kann. Aber ich bin beharrlich und pumpe und pumpe. Nachdem sich die ersten Blasen --- an meinen Händen --- zeigen, ersinne ich ein Werkzeug, so eine Art Verlängerungshebel. Diesen befestige ich mit viel Geschick und Draht und pumpe --- und pumpe. Zwischendurch mache ich immer wieder Startversuche. Erfolglos.
Über Mittag lade ich die Batterie ein paar Stunden auf. Dann baue ich mir ein zweites Werkzeug, das dem ersten weit überlegen ist. Mit nicht weniger Geschick und noch mehr Draht befestigt kann man damit richtig gut pumpen. Es zeigt sich Blut in meinen Blasen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass die Blasen --- die in der Kraftstoffleitung --- trotz meines mittlerweile vermutlich optimalen Werkzeuges eigentlich immer nur auf der Stelle hin und her wandern. Der Nachmittag vermischt sich bereits mit dem Abend, als ich einen erneuten Startversuch unternehme, diesmal habe ich einen zweiten Wagen als Starthilfe angeschlossen. Damit orgele ich lange und verzweifelt --- bis endlich zusammen mit dickem, schwarzem Ruß das fast vergessene Geräusch eines laufenden Dieselmotors aus dem Auspuff quillt. Ich lasse den Motor laufen, springe nur kurz ins Haus, um meine Sachen zusammen zu sammeln und düse nach Hause.
Der Umzug nach Hamburg
Die Klamotten aus Claas Wohnung waren bis Mittag locker im Wagen verstaut, nur das Aquarium wartete noch oben in seinem Zimmer darauf, verpackt zu werden. Bevor wir diese Kleinigkeit eben auch noch auf die Ladefläche bugsierten, wollten wir uns erst einmal stärken. Nach dem kurzen Mittag wurde der größte Teil des kostbaren Aquariumwassers in separate Behälter abgefüllt und verladen. Dabei wurden schon alle Fische, die uns in die Quere kamen, abgefischt und ebenfalls schonend verpackt. Als sich nur noch circa fünf Zentimeter Wasser in dem Becken befanden, wurden restlos alle Fische und Pflanzen behutsam entfernt. Restlos alle? Nun ja. Da war noch so ein störrischer Wels, der aussah wie ein Playmobil-Hai, der wollte partout nicht in den Kescher schwimmen. Macht nichts, dann holen wir eben noch mehr Wasser raus und sammeln ihn dann ein. Die Jagd gestaltete sich schwierig, denn leider wurde das Wasser mit abnehmendem Niveau zunehmend trübe, der Fisch war immer seltener zu sehen und noch mehr Wasser zu entnehmen wurde immer mühseliger. Der Wels dachte im Traum nicht daran, sein Zuhause widerstandslos zu räumen. Es war nicht zu fassen, zwei diplomierte Ingenieure schafften es nicht, einen dämlichen Wels von zehn Zentimetern Länge aus einem Aquarium zu fischen, in dem sich nur noch wenige Tropfen Wasser befinden. Die ganze Aktion, das Aquarium samt seiner eigenwilligen Bewohner auf den Wagen zu hieven, hat in der Summe dann genau so lange gedauert, wie die gesamten Möbel zu verladen. Am späten Nachmittag könnten wir Braunschweig endlich verlassen - im Gepäck einen Wels, der nur knapp einem Herzinfarkt entgangen ist und wohl noch Stunden nach Luft japste.
Vor den Toren der Stadt mussten wir noch kurz tanken. Keine große Sache. Claas kontrollierte dabei auch noch mal den Ölstand - kann man gar nicht häufig genug machen. Und schon sind wir wieder auf der Bundesstraße in Richtung unserer neuen Heimat. Aber nach guten hundert Metern wir fahren kurz rechts ran, weil Claas Zweifel kommen, ob er den Öldeckel wieder drauf gesetzt hat. Hat er nicht! Die Motorabdeckhaube ist von innen schon ziemlich eingeölt, das wäre nicht lange gut gegangen. Wir tapern zurück zur Tankstelle, um unseren Öldeckel zu suchen. Auf der Tankstelle ist er nicht zu finden, also müssen wir ihn auf dem kurzen Stück unterwegs verloren haben. Es sind nur gute hundert Meter, da muss so ein Deckel ja leicht zu finden sein. Wir gehen bis zum Wagen, wieder zurück, wieder bis zum Wagen, wieder zurück zur Tankstelle, suchen dort noch einmal alles ab, was wir schon zweimal abgesucht haben, kaufen eine Taschenlampe, weil es inzwischen schon dunkel geworden ist, finden aber keinen Öldeckel. Voller Verzweifelung gräbt Claas noch einmal im Motor und findet den Deckel dort in einem Winkel. Es ist mittlerweile sieben Uhr abends.
Jetzt kann uns nichts mehr aufhalten und mit dröhnenden 80 km/h düsen wir die Bundesstraße entlang. Nicht lange, denn mitten auf freier Strecke im Wald vor Ülzen steht der Verkehr. Ein frischer Unfall macht jede Weiterfahrt unmöglich. Vollsperrung. Polizei ist noch keine dort, eine Umleitungsempfehlung gibt es auch nicht, aber hier rührt sich erstmal nichts. Der Wald um Ülzen ist verkehrstechnisch nicht optimal erschlossen, so dass wir einen ziemlichen Umweg fahren müssen. Wir sind uns nicht sicher, ob uns das in der Summe schneller ans Ziel bringt, als einfach auf die Räumung der Unfallstelle zu warten, aber so haben wir wenigstens die Illusion, es geht weiter. Nachdem wir in Braunschweig zum Mittag dachten, wir sind in ein paar Stunden in Hamburg, verlassen wir am Zielort um ein Uhr nachts unseren Transporter und fallen ist Bett. Das Ausladen haben wir dann auf den nächsten Tag verschoben.
Eilig Abend!
Kurz vor Weihnachten. Irgendetwas, ich weiß nicht mehr was, war mal wieder an unserem Bus defekt. Aber diesmal war es etwas wirklich kompliziertes, denn sonst hätten wir ihn nicht zum Bosch-Dienst gegeben, sondern es wie immer selbst in die Hand genommen. Der Bus sollte ca. eine Woche vor Weihnachten fertig sein. Das war auch gut so, denn ich wollte Heilig Abend damit zu meinen Eltern fahren und zwischen den Jahren Petras Umzug von Berlin damit abwickeln. Ein Anruf der Werkstatt deutete schon mal die Möglichkeit an, dass sich die Fertigstellung um einen Tag verschieben könnte. "`Keine Eile!"' Beim nächsten Anruf kamen noch einmal ein bis zwei Tage dazu. "`Hauptsache, dass ich ihn am Tag vor Heilig Abend habe!"' "`Ganz bestimmt!"'. Am Tag vor Heilig Abend betrugen die gebeichteten Verschiebungen immer nur ein paar Stunden, an Heilig Abend selbst gab ich mittags dann selbst die Hoffnung auf.
Ich stand etwas dumm da, denn um mit dem Zug nach Hause zu kommen, war es etwas zu spät. Alle anderen waren längst zu ihren Eltern oder sonstwo hin gefahren. Also bin ich mit der S-Bahn nach Stellingen gefahren, um mich dort an die Autobahnauffahrt zu stellen. Als ich mich aus dem Gehen umdrehe und meinen Daumen hebe, hält schon ein Auto an. "`Schleswig?"' Ich fahre bis Schuby."' Na super! An der Abfahrt Schuby lässt mich der Mensch nach einer angeregten und interessanten Unterhaltung aus dem Auto aussteigen. Diesmal schaffe ich es gar nicht, meinen Daumen zu heben, als schon das folgende Auto anhält und mich fragt, ob er mich mitnehmen kann. Zwar muss er eigentlich direkt nach Schleswig aber er fährt den kurzen Umweg und setzt mich direkt vor dem Haus meiner Eltern ab. Das war die schnellste Tramp-Tour, die ich je erlebt habe - dem Bosch-Dienst sei Dank!
Der Umzug von Berlin
Sylvester. Der Bus stand ja immer noch beim Bosch-Dienst auf dem Hof. Heute wollen wir nach Berlin fahren, der Bus sollte fertig sein, so dass ich ihn abholen könnte. Als ich mit Petra in der Werkstatt eintreffe, falle ich fast vom Glauben ab: Die gesamte Kraftstoffanlage ist noch auseinander geschraubt! Der Meister ist seelenruhig und sagt, dass er das noch eben zusammenschraubt und dann ist alles fertig. 'Und was ist mit Entlüften?', denke ich mir. 'Wenn der nur halb so lange braucht, wie ich damals, können wir den Umzug für dieses Jahr knicken!' Nachdem er die Kraftstoffleitungen im Handumdrehen zusammen geschraubt hat, geht er zur Pumpe, schraubt sie los, pumpt dreimal bis blasenfreier Sprit kommt und dreht sie wieder zu. Mir steht der Unterkiefer in tiefstmöglicher Stellung. Fast hakt er aus, als der Meister noch wie selbstverständlich erklärt: "`Da war übrigens 'ne Dichtung kaputt bei der Pumpe."'! Eine simple defekte Dichtung hat mich also einen Tag lang fast zur Verzweiflung gebracht und mir blutige Blasen eingehandelt! Frohgemut aber noch immer ganz fassungslos wegen der Dieselpumpe fahren wir zu Petras Wohnung, um den Polo, mit dem wir gekommen sind, wieder abzustellen.
Bevor man durch die DDR fährt, tut man gut daran, seine Papiere noch einmal auf Vollständigkeit zu überprüfen. Alles da, bis auf --- wo ist eigentlich der Fahrzeugschein für den Bus? Beim Bosch-Dienst! Eher kommen wir mit unserem Geschoss zum Mond als ohne Fahrzeugschein durch die DDR! Die Werkstatt ist natürlich schon geschlossen. In der Privatwohnung des Meisters öffnet uns der Sohn. "`Mein Vater ist schon zu einer Sylvesterfeier gefahren!"'. Na prima! Zum Glück können wir ihn dort telefonisch erreichen und er kann seinem Sohn beschreiben, wo der Fahrzeugschein liegt. Es ist ihm etwas peinlich --- immerhin!
Mit dem Bus durch die DDR zu fahren ist recht angenehm, weil man zum einen die Geschwindigkeitsbeschränkungen gar nicht überschreiten kann und weil alle anderen auch nicht großartig schneller sind als man selbst. Lediglich kurz vor Berlin, wo man durch die Barackensiedlungen der Armee des sozialistischen Bruderstaates fährt, muss man etwas aufpassen, dass einem nicht ein betrunkener russischer Soldat unter die Räder kommt. Das gäbe lästige Scherereien.
In Zehlendorf regnet es. So ein fieser Nieselregen. Außerdem liegt noch verdammt viel Schnee, so dass es ungeschickt wäre, die ganzen Möbel durch Regen und über Schnee zum Bus an der Straße zu tragen. Zum Glück ist unser Bus ja außerordentlich wendig. Ich fahre ihn also die enge Auffahrt hoch bis in den Garten und setze ihn rückwärts genau so dicht vor die Haustür, dass das Vordach fast über ihn reicht. So können wir alle Möbel in Ruhe und im Trockenen aus der Wohnung in den Bus schaffen. Die Nacht über lassen wir den Bus einfach vor der Tür stehen. Der Hausbesitzer, der unten wohnt, ist seit Monaten in Afrika und niemand weiß, ob und wann er je zurückkommt. Oben wohnt nur eine etwas exzentrische Dame, die eh kaum aus dem Haus geht.
Am nächsten Morgen ist es deutlich wärmer geworden. Es hat die ganze Nacht über durch geregnet, so dass die ehemals geschlossene Schneedecke im Garten schon deutliche Lücken aufweist und alles unter Wasser steht. Wir frühstücken noch in aller Ruhe und packen dann die restlichen Sachen ein. Schön, dass wir so früh loskommen. Damit ich die Auffahrt wieder rausfahren kann, muss ich den Wagen im Garten kurz wenden. Ich fahre einen 90 Grad Bogen bis vor die Hecke, legen den Rückwärtsgang ein und --- tja, das Gefühl kenne ich ebenfalls: Die Räder des voll beladenen Wagens sind in dem aufgeweichten Garten soweit eingesunken, dass die Vorderachse auf dem Erdboden aufliegt! Hier geht erstmal gar nichts mehr. Okay --- das Leben geht halt nicht immer straks geradeaus.
Zuerst versuchen wir es mit so lächerlichen Aktionen wie Schieben, Hin- und Herjuckeln, Zweige unter die Räder legen. Dann versuche ich, die Rädern freizugraben. Schließlich klingeln wir bei etlichen Nachbarn, bis wir einen finden, der nicht verreist ist. Mit dessen Wagen fahren wir auch in den Garten und binden ein Abschleppseil zwischen ihn und den Bus. Bis auf die Tatsache, dass der PKW willenlos auf dem glatten Untergrund hin- und herschwänzelt und dabei Schnee und Schlamm vermischt, ist eigentlich keine weitere Wirkung festzustellen. Die ganzen Aktionen haben übrigens keinen guten Einfluss auf das optische Erscheinungsbild des Gartens. Er sieht mittlerweile aus wie eine braun-weiße Matschwüste.
Wir telefonieren halb Berlin ab, aber die Millionenstadt scheint wie ausgestorben, so dass wir uns die Wahrheit eingestehen müssen, dass wir ohne Abschleppunternehmen das Gefährt nicht vor dem nächsten strengen Frost aus dem Garten bekommen. Als der Abschleppwagen eintrifft, ist es längst Abend und dunkel. In gerader Verlängerung der Auffahrt steht ein Gartenhäuschen, um das ich nur wegen der großen Wendigkeit unseres Busses herum manövrieren konnte. Natürlich ist der Abschleppwagen deutlich länger und breiter als unser Bus, so dass keine Chance besteht, mit ihm ein ähnliches Manöver zu exerzieren. Der Fahrer fährt den Wagen soweit es geht in die Auffahrt, die damit auch vollkommen ausgefüllt ist. Zum Glück steht unser Unglücksbus fast genau in Flucht mit der Ausfahrt nur wenig von dem Gartenhäuschen verdeckt, so dass wir ein Abschleppseil zu ihm spannen können, das die Hütte nur leicht touchiert. Weniger glücklich ist die Tatsache, dass er ziemlich genau in rechtem Winkel zur Auffahrt steht, was nicht unbedingt optimal ist. Während ich mit dem Abschleppseil Richtung Garten gehe, kommt die etwas exzentrische Frau von oben um die Ecke. Sie ist sichtlich aufgebrezelt und will ausgehen. Als sie die Auffahrt blockiert sieht, veranstaltet sie einen furchtbaren Aufstand, dass sie da jetzt sofort durch muss und dass wir die Auffahrt frei machen sollen. "`Da passen Sie doch noch durch!"', ist meine schmeichelhafte aber naive Antwort. "`Und sonst können Sie doch auch anders ums Haus herum gehen."' Das hätte ich besser nicht sagen sollen, denn nun geht ein Gewitter von Schimpfworten auf mich nieder, wie ich von ihr verlangen könnte, sich mit ihren (Stöckel-)Schuhen und ihrem Abendkleid an diesem dreckigen LKW vorbeizuzwängen oder durch den Matsch zu gehen! Zu sagen, dass der Weg anders herum ums Haus mit Gehwegplatten ausgelegt ist, habe ich mir dann verkniffen. Stampfend und schnaubend zog sie ab. Ob sie tatsächlich anders herum gegangen ist oder sich zurück nach oben unter die Bettdecke verzogen hat, wollte ich gar nicht wissen. Ich habe das Seil an den Bus geschlungen und mich ins Fahrerhaus gesetzt.
Ein Bus, der mit seinen Vorderrädern bis zur Achse in der Erde versunken ist, hinterlässt ansehnliche Spuren in der Landschaft, wenn man ihn quer zu seiner Fahrtrichtung aus dem Dreck zieht. Ich bin überrascht, dass das Seil und die Winde diese Kräfte überhaupt aufbringen, denn was dabei für Erdaushub entsteht, ist beachtlich. Zwar ging das Seil anfangs ganz leicht um das Gartenhäuschen herum, aber der Schaden an der Hütte war wirklich nur marginal. Danach wurde der Bus direkt in Richtung Ausfahrt gezogen und als ich schließlich lenkend die Richtung beeinflussen konnte, war klar, dass wir das Schlimmste überstanden hatten.
Allerdings hatten wir da die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Und zwar ohne den Hauswirt. Als unser Bus endlich auf festem Boden direkt vor dem Abschleppwagen in der Ausfahrt stand, näherte sich ein Herr in Begleitung einer schwarzen Dame der Szene. Es war der Besitzer, der seit Monaten in Afrika weilte und von dem feststand, dass er vermutlich erst in ein paar Jahren zurückkommen würde! Einen besseren Zeitpunkt hätte er gar nicht wählen können: Seine Ausfahrt, die maximal für einen PKW Platz geboten hätte, war blockiert mit zwei LKW, sein Garten sah aus wie die Mondoberfläche nach einem missglückten Landungsversuch eines Raumschiffes --- und zu allem Überfluss kam just in diesem Moment auch noch die Zicke von oben unter ihrer Bettdecke hervor und unternahm einen zweiten lautstarken Versuch, schadlos mit ihrer Aufmachung vom Hof zu kommen. Ich dachte nur, das glaube ich nicht, war dem Hausbesitzer aber unendlich dankbar, dass er erstmal seine Mieterin ziemlich kühl abservierte, uns dann schreckliche Konsequenzen anzudrohen und dass wir den Schaden tragen müssten und sich dann mehr oder weniger grummelnd zurückzog.
Der Abschleppunternehmer ließ sich seine Dienste mit 400 Mark entgelten, war ja schließlich Feiertag! Das war uns mittlerweile auch egal. Wir berappten die Summe und verließen diesen gastlichen Ort. Leider habe ich bei der Aktion auch noch meine schicken, ledernen Fingerhandschuhe von der Bundeswehr im Garten zurückgelassen. Das war ein bisschen doof!
Bremsentango
"`Alle (zwei) Jahre wieder…"' möchte der TÜV unseren Bus begutachten. Eigentlich kein großes Thema, wenn da nicht die beiden Problemzonen Reifen und Bremsen wären. Für die Reifen hatten wir einen ganz praktischen Deal mit einem Leidensgenossen geschlossen, der ein identisches Gefährt mit anderen Problemen besaß. Wann immer eines der beiden Gefährte zum TÜV musste, wurden bei dem Probanden einfach die Problemverursacher mit den entsprechenden Teilen des anderen Fahrzeuges ausgetauscht. In unserem Falle waren die Reifen eben deutlich schlechter als die unseres Partners.
Es war halt nur immer ein nicht unerheblicher Aufwand, vor jedem TÜV-Termin Reifen-Wechsel-Dich zu spielen. Das fing schon damit an, dass man so einen Bus nicht mit jedem x-beliebigen Wagenheber hochheben kann. Um zügiger voran zu kommen, arbeitete Claas mit unserem und ich mit dem vom Austauschobjekt geliehenen. Das war leider so ein olles ausgelutschtes Ding, bei dem der Hebel zum Pumpen zwei Drittel Spiel hatte und nur auf einem Drittel zur Hälfte wirkte. Außerdem rutschte dieser dämliche Hebel dauernd raus. Ich lag unter unserem Bus, den Wagenheber positioniert, und versuchte verzweifelt, mit dem Hebel zu pumpen. Mit der Hand hatte ich bald keine Kraft mehr, denn ich konnte den Weg nicht voll ausnutzen, weil es viel zu schwer ging. Also habe ich meinen Kopf über den Hebel in Stellung gebracht, so dass ich zusätzlich mit meiner Stirn auf die Stange drücken konnte. Wenn ich dann mit aller Kraft Arme und Kopf nach unten drückte, ging es. Während ich so mit ganzer Kraft gen Boden drückte, sprang irgendwann leider der Hebel wieder aus seiner Aufnahme, was dazu führte, dass meine Stirn mit voller Wucht mit dem Kopfsteinpflaster kollidierte. Claas war dieses Mal deutlich schneller mit seinen zwei Reifen fertig, denn ich lag eine ziemliche Weile fassungslos auf dem Pflaster und hielt mir den dröhnenden Schädel.
Mit neuen Reifen und neuem Mut ging es dann zum TÜV. Alles chico --- bis zum Bremsentest. Dabei fährt man mit der zu testenden Achse auf den Prüfstand und beobachtet die beiden Zeiger der überdimensionalen Bahnhofsuhr, die die Widerstandskraft der beiden Räder anzeigt. Diese beiden Zeiger sollen sich von ihrer Nullstellung gleichmäßig und gemeinsam nach oben bewegen. Ihr Verhalten glich bei unseren Bremsen eher einem Tango zweier Partner, die voreinander weglaufen. So etwas stellt einen unheilbaren Mangel dar. Also müssen wir wiederkommen.
Nun sind wir ja Ingenieure, und Bremsen sind reine Mechanik. Wo soll da das Problem sein? Einmal unter den Bus gelegt, den Wagen hochgebockt, die Bremsen eingestellt --- und ein paar Tage später wieder beim TÜV vorstellig geworden. Tango, die zweite. Wir sehen uns! Wir haben es dann noch ein drittes Mal probiert, man hätte das Ergebnis auch Cha-Cha-Cha nennen können --- aber die Plakette gab’s immer noch nicht.
Das Problem musste grundlegend angegangen werden. Eine Fahrt zu meinen Eltern nutzte ich, um neue Bremsbelege zu kaufen und zu montieren. Die sahen wirklich gut aus und hatten tatsächlich einen deutlich dickeren Belag als die alten. Da war ein Wechsel wohl wirklich angezeigt gewesen. Aber leider war die Dicke des Belages etwas zu viel des Guten, so dass die Bremstrommel nun nicht mehr drüber passte. Es fehlte wirklich nicht viel und durch leichtes Nachhelfen mit dem Vorschlaghammer war die Sache auch flugs gerichtet. Danach ließ sich das Rad zwar nicht mehr von Hand drehen, aber siebzig PS werden das Kind schon schaukeln, da war ich mir sicher. Nachdem alle vier Trommeln montiert waren, wollte ich eine Probefahrt machen. Leider waren die siebzig PS aber doch mindestens einer zu wenig, denn das Ding rührte sich nicht einen Millimeter vom Fleck.
Bremstrommeln, die mit einem Vorschlaghammer über die Bremsbacken getrieben worden sind, fallen nicht spontan herunter, wenn man sie los schraubt. Man kann den Vorschlaghammer auch nicht in inverser Manier verwenden, um sie zu entfernen. Wie war das: Ich bin Ingenieur? Also in jede Bremstrommeln zwei Löcher gebohrt, durch die die Bremsbacke mit einem Metallstab und einem Hammer nach hinten getrieben wurde, während zwei große Schraubenzieher die Trommel nach außen hebelten. Ist doch gar kein Problem! Dauert nur etwas.
Gedauert hat auch das Feilen und Schmirgeln, womit ich hoffte, den Belag soweit abtragen zu können, dass man wieder fahren konnte. Nach meinem ersten Versuch, das Ergebnis auszuprobieren, wurden schätzungweise noch fünfzig der siebzig PS benötigt, den Reibungswiderstand zu überwinden. Aber die Räder haben sich immerhin schon mal gedreht! Meine Hoffnung war, dass sich die Belege bei der Fahrt von selber zurecht schleifen würden. Aber das geschah nicht in merklichem Ausmaße, so dass ich die Nummer mit den Metallstäben und Schraubenziehern noch einmal durchzog. Nachdem ich den ganzen Tag geschmirgelt und gefeilt hatte und sich die montierten Trommel sogar schon von Hand drehen ließen (zugegeben nur wenn man alle Kraft aufbrachte), war ich mir sicher, dass sich der Rest von selbst einschleifen würde. Außerdem war es schon spät und ich musste nach Hause.
Ich kam etwa bis Owschlag. Dann waren die Radlager so heiß, dass ich mir nicht zutraute, Hamburg ohne Totalschaden zu erreichen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich es angestellt habe, Claas zu erreichen, denn Handys waren ja noch nicht erfunden. Er kam dann mitten in der Nacht mit seinem Lada angefahren, um mit mir zusammen den Bus wieder zu meinen Eltern zu bringen und mich dann mit nach Hamburg zu nehmen. Das habe ich ihm hoch angerechnet.
Ich muss noch erwähnen, dass die ganze Aktion des Schraubens und Schmirgelns bei ständigen Schneetreiben stattgefunden hat, so dass ich daraufhin nachhaltig erkältet war und die Schnauze etwas voll hatte. So kam es, dass der Bus einige Wochen auf der Wiese meines Vater stand, bevor ich ihn wieder abholte. Ich hatte ihn gebeten, seine Beziehungen zu nutzen und die Bremstrommeln ausdrehen zu lassen. Das ging völlig problemlos und kostete nur einen Appel und ein Ei. Als ich sie danach wieder montierte, war wunderbar Spiel zwischen Trommel und Bremsbelag und alle siebzig PS konnten sich wieder dafür einsetzen, Geschwindigkeit zu produzieren! Mit dem Gefühl, alles menschenmögliche getan zu haben, ließen wir uns wieder beim TÜV sehen. Unsere Augen hielten die Zeiger bang im Blick, als sie zum Tango ansetzten --- sich aber dann vereinigten und gemeinsam ihrem Höhepunkt entgegen schwangen!
Ein kleiner Nachsatz noch: Nach einer unserer recht zahlreichen Reifenwechselaktionen habe ich eine Fahrt für meinen Vater gemacht, bei der ich circa eine Tonne Rollrasen für ihn bei einer Baumschule abholen sollte. Mit den beiden Palletten mit dem Rasen auf der Ladefläche fuhr ich vom Hof der Baumschule und wollte doch noch mal nach den Radmuttern sehen. In der Fahrschule hatte ich gelernt, dass ich die nach einem Reifenwechsel nach circa fünfzig Kilometern nachziehen sollte. Die Radmuttern waren noch auf den Gewindestangen --- aber nur noch knapp! Mit dem Radkreuz habe ich sie soweit es ging nachgezogen, aber mit über zwei Tonnen Gewicht auf den Rädern kann das nicht gut gelingen. Also bin ich mit schlingernden Hinterrädern wieder auf den Hof gefahren und habe einen Gabelstaplerfahrer gebeten, mir den Wagen hinten mal anzuheben. Leider war der Gabelstapler damit etwas überfordert, aber immerhin hat er die Räder deutlich entlasten können, dass ich die Muttern soweit anziehen konnte, dass die Räder nicht mehr schlingerten. Ich bin dann überaus nervös mit der Last bis zu meinen Eltern gefahren und habe unterwegs mehrfach angehalten, um zu kontrollieren, ob noch alle sechs Reifen dran sind.
Ein Tag Urlaub
Im Laufe der Zeit waren so viele Kleinigkeiten aufgelaufen, dass wir eine größere Aktion starten wollten, sie alle in einem Abwasch zu beheben. Daher haben wir uns extra eine Tag Urlaub genommen, damit wir in aller Ruhe am Bus basteln können. Natürlich mussten wir vorher noch kurz ein paar Ersatzteile kaufen. Der Laden war in der Kollaustraße, das ist ziemlich weit draußen in Lokstedt, aber gut zu erreichen. Was wir allerdings nicht mit in unser Kalkül einbezogen hatten, war die Tatsache, dass die Hamburger Schüler gerade heute demonstrierten. Für mehr Unterricht! Es kann mir einer erzählen, was er will, aber dass Schüler für mehr Unterricht demonstrieren ist doch nicht auf ihrem eigenen Mist gewachsen! Da hat ihnen doch einer einen Floh ins Ohr gesetzt! Wie auch immer, jedenfalls blockierten diese flohbesetzten Ohren das Alsterglacis. Da mussten wir aber durch, wenn wir zu unserem Dealer wollten. Auch unsere intimen Ortskenntnisse nützten uns nicht viel, denn es gab reichlich ebenso Ortskundige, die allesamt die Nebenstraßen blockierten. So dauerte die Fahrt zum Ersatzteilhändler etwa bis zum Mittag.
Die Rückfahrt dauerte ähnlich lange, denn wenn der Verkehr in Hamburg erst einmal zusammengebrochen ist, braucht es eine ganze Weile bis dieser Infarkt wieder ausgeräumt ist. Deutlich am Nachmittag erreichen wir unsere Selbsthilfewerkstatt in Billstedt. Dort gibt es für wenig Geld einen Platz mit Hebebühne, Schweißgerät und auch sonst allerlei praktischen Finessen, die das Schrauberherz höher schlagen lassen. Normalerweise. Denn heute ist vorangeschrittener Freitag und da sind schon alle fleißig am Schrauben --- und kein Platz mehr frei! Da die Schraubereien praktisch auch gerade erst begonnen haben, ist nicht damit zu rechnen, dass in näherer Zeit ein Platz frei werden würde.
Man muss positiv denken: Es gibt Menschen, die nehmen sich Urlaub und kommen von weit her nach Hamburg, um hier eine Stadtrundfahrt zu machen. Wir wohnen schon in Hamburg und haben den Vorteil, dass wir uns die Anreise zur Stadtrundfahrt sparen konnten. Ob die Schüler mit ihrer Demo Erfolg gehabt haben, weiß ich nicht. Wären sie man zur Schule gegangen, statt die Straßen zu blockieren, hätten sie mehr Unterricht gehabt und wir vielleicht etwas von unserem Urlaub!
"`Da klappert was!"'
Seit einiger Zeit war da immer so ein schepperndes Geräusch zu hören. Vorzugsweise im Leerlauf, aber mitunter auch bei anderen Drehzahlen. Das machte uns zunehmend stutzig und wir beschlossen, der Sache nachzugehen. Das Problem war, dass wir absolut keine Idee hatten, woher das Scheppern eigentlich kam. Also legten wir uns zuerst beide bei laufendem Motor unter den Wagen und versuchten, das Geräusch zu orten. Unter so einem dröhnenden Diesel ist es eigentlich vornehmlich laut. Da ist es schwierig, den genauen Ursprungsort eines nicht sicher zu identifizierenden Geräusches festzustellen. Aber wir hatten die Quelle des nicht ordnungsgemäßen Schalles bald gefunden: Das hintere Differentialgetriebe. Immerhin waren wir so schlau, bevor wir das Getriebe ausgebaut hätten, einfach die Antriebswelle direkt davor abzuschrauben. Dann sollte das Scheppern ja weg sein! War aber nicht.
Aber jetzt hörte man auch ganz deutlich, dass die Quelle des Störgeräusches die Antriebswelle selbst war. Die Welle war schnell komplett abmontiert, was aber keine Auswirkung auf das Vorhandensein des Scheppperns hatte. Ohne störende Antriebswelle war auch eindeutig zu erkennen, dass das Klirren aus dem Getriebe selbst kam. Da hilft alles nichts --- das Getriebe muss raus!
Schrauben an einem Mercedes ist wirklich eine Wonne! Womit man sich bei einem anderen Typen die Finger gebrochen hätte, ist hier im Handumdrehen geschehen und wir bringen das Getriebe zu näheren Untersuchung in unsere Wohnung. Dort sind wir erst einmal einige Tage mit Forschungsarbeiten beschäftigt, wie man so einen Klotz überhaupt auseinander schraubt und auf was für exotische Teile man dabei stößt. Um manches Teil auszubauen ist all unsere Ingenieurskunst und -phantasie gefragt. Aber wir bekommen es quasi in seine Atome zerlegt. Auf die Frage, welches Teil oder welche Kombination eigentlich das überflüssige Geräusch verursacht, finden wir aber keine Erklärung.
Bevor wir das Getriebe wieder zusammensetzen wollen, statten wir einer Mercedes-Werkstatt noch einen Besuch ab, weil wir frisches Getriebeöl einfüllen und einige vom Zahn der Zeit angenagte Kleinteile ersetzen wollen. In der Werkstatt bringen wir unseren Wunsch vor, Ersatzteile für ein Getriebe eines 407D kaufen zu wollen. Der Angestellte starrt uns mit großen Augen an: "`Getriebe? Die schicken wir immer ein, wenn sie auseinander genommen werden müssen!"' Trotzdem studiert er mit uns die Explosionszeichnung, um die gesuchten Teile zu identifizieren. Noch etwas Angenehmes beim Basteln an einem Mercedes: Die Ersatzteile sind spottbillig!
Beim Zusammensetzen haben wir etwas Schwierigkeiten, uns an den genauen Ort jedes einzelnen Teilchens zu erinnern. Da ist allerhand Phantasie gefragt. Wir bekommen auch alles prima hin --- nur ein Teil, so eine Art überdimensionale Unterlegscheibe, passt eigentlich nirgends. Wir probieren sie mal hier, mal da und entscheiden uns schließlich, sie dort einzubauen, wo sie unserer Auffassung nach am wenigsten stört. Schließlich wollen wir kein Teil übrig behalten, nachdem wir alles wieder zusammen gebaut haben!
Mit dem kompletten Getriebe legen wir uns wieder unter unseren Bus. Das Wetter ist heute nicht optimal, es regnet zwischendurch immer wieder. Das ist insofern ein Problem, als wir zwar geschützt unter dem Wagen liegen, die Straße, auf der er steht, aber leicht abschüssig ist und mit Kopfsteinpflaster belegt. Da formt sich der Regen zu kleinen Flüsschen, die einem --- auf der Straße liegend --- oben in den Kragen hinein laufen und unten aus dem Hosenbein wieder hinaus.
Unser Bus steht heute vor dem Eingang zu irgend so einem Privatklub. Es ist ein relativ unscheinbarer Eingang, vor dem wir schon öfter gebastelt haben. Aber heute gehen auffallend häufig Leute da rein und raus. Auch auf dem Bürgersteig gehen heute mehr Leute hin und her und die sehen sich ständig um. Irgendwann hält auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Wagen an, kurz darauf prescht ein zweiter Wagen direkt vor unserem Bus auf den Bürgersteig, ein weiterer hält direkt hinter uns. Aus allen Autos springen Leute raus, zücken ihre Pistolen und stürmen um unseren Bus herum auf den Eingang zu, dirigiert von zwei Typen, die schon vorher auf dem Bürgersteig lungerten. Einige der Gestalten stürmen den Klub, während andere mit ihren Waffen im Anschlag auf den Eingang zielen. Wir liegen schreckensstarr unter unserer Deckung und halten die Schraubenschlüssel still. Zum Glück geht es ohne Schießerei ab und nach kurzer Zeit verlassen einige Elemente mit auf dem Rücken gekreuzten Handgelenken den Klub. Wir verhalten uns noch eine Weile ganz ruhig, bis alles sich verzogen hat und bauen dann das Getriebe vollständig wieder ein.
Die gute Nachricht dieser Aktion: Das Getriebe funktioniert einwandfrei! Die nicht so gute Nachricht: Das Scheppern ist immer noch da! Wir liegen unter dem Bus und sind etwas ratlos, denn es ist nicht mehr viel übrig, was wir noch auseinander bauen könnten. Beim Abtasten, wo noch bewegliche Teile sein könnten, fühle ich mit der Hand in das Dreieck zwischen Achse, Querlenker und Federung. Dort finde ich einen 17er Maulschlüssel, den wir bei einer unserer vorherigen Reparaturen dort vergessen haben müssen. Ich nehme ihn heraus --- und das Scheppern ward nie mehr gehört!
Abschied
Wenn man so einen Bus hat, hat man viele Freunde und es spricht sich auch bei deren Freunden rum, dass man so einen Bus hat. Da gab es immer jemanden, der gerade irgend etwas zu bewerkstelligen hatte, was nur mit genau so einem Bus zu bewerkstelligen war. Und wir waren ja keine Unmenschen! Selbst hatte ich immer weniger Zeit und Gelegenheit, den Bus zu nutzen. Das Ungute an dieser Kombination war, dass ich irgendwann mehr Zeit unter dem Bus als in seinem Führerhaus verbrachte und mich mehr um die Erhaltung der Betriebsfähigkeit kümmern musste, als mich an ihr zu erfreuen. So musste ich irgendwann erkennen, dass dieser Abschnitt meines Lebens zu Ende war.
Zum Glück fand sich in Rainer ein Nachfolger, der mir meinen Anteil abkaufte und das Gefährt noch eine Weile zusammen mit Claas weiter betrieb.