Die Flaggen zeigen noch eine östliche Komponente im Wind, als wir pünktlich um viertel vor eins den Deich in Schlüttsiel überqueren. Das Hochwasser ist bereits da - genau wie Lüder, der uns schon ungeduldig erwartet. Es nimmt noch eine ganze Weile in Anspruch, bis wir unsere Siebensachen alle am ihnen jeweils zugedachten Ort haben. So ist es schließlich 15:00 Uhr, als wir vier in unseren Kajaks sitzen und uns vom ablaufenden Wasser aus dem Hafen schlürfen lassen.
Der Wind hat bereits merklich gedreht, die östliche Komponente ist einer gleichstarken westlichen gewichen. Seine Stärke ist eher mäßig, wir schätzen sie auf etwa zwei, später drei Beaufort.
Es geht an Oland vorbei und ohne dass ein großer Unterschied auszumachen ist, an Langeness, das seinem Namen alle Ehre macht. Wir eilen von Tonne zu Tonne, ohne dass man einen rechten Fortschritt erkennen kann. Die Wegmarkierungen sind auf geheimnisvolle Weise immer so weit voneinander entfernt angebracht, dass man an einer angekommen, die nächste gerade so eben erkennen kann. Wenn man an Tonne 32 ist und weiß, dass Langeness sich bis zur Tonne 10 erstreckt, dann ist es schwer zu glauben, dass man die Hallig noch in diesem Leben passieren wird.
Wir werden ja nur knappe drei Tage unterwegs sein und ich bin mittlerweile schon geübt darin, meine Gerätschaften und Verpflegung im Kajak zu verstauen, so dass ich nach dem Packen erstaunt war, dass ich noch so viel freien Platz im Boot hatte. Da ich immer hinten zu packen anfange, hatte ich im vorderen Stauraum also kaum Ladung. Das führt nun dazu, dass mein Schiff furchtbar in den Wellen plumpst und dadurch jedesmal erheblich meine Fahrt abbremst. Als zweites Manko gesellt sich die schon bekannte Tatsache hinzu, dass mein Paddel für diese Verhältnisse hier einfach viel zu lang und zu groß ist.
Wir sind dicht an Langeness und nutzen die Chance, kurz anzudocken, dass ich einige gewichtige Dinge aus dem achteren Stauraum nach vorne umbetten kann und Sabine mir ihr wesentlich besser geeignetes Ersatzpaddel zur Verfügung stellt. Ohne große Pause geht es gleich weiter gen Westen.
Um mehrere Stunden zehrender Paddelei ohne Pausen überleben zu können, habe ich unter dem Gepäcknetz auf dem Achterdeck einen Trinkbeutel mit etwa einem Liter Wasser deponiert. Ein Schlauch mit einem einfachen Ventil reicht bis in meinen Mund und ich kann, ohne das Paddeln unterbrechen zu müssen, jederzeit trinken. Zu essen habe ich eine Vollkornbrotdoppelstulle mit Käse in einer flachen Tupperdose in der Brusttasche meiner Paddelweste. Daneben habe ich noch ein halbes Dutzend kleine Marsriegel darin, die eine schnelle Schubverbesserung bringen.
Um halb sieben liegt die Südspitze von Amrum querab. Eckehard würde gerne noch bis zu einer bestimmten Stelle fahren, aber schließlich gehen wir doch schon um halb acht an Land. Es ist kaum noch Wind übrig, Niedrigwasser und entsprechend wenig Brandung. Allerdings müssen wir unsere Boote ein ``Stückchen'' schleppen, bis wir in eine Gegend mit trockenem Sand kommen, die verspricht, uns in der Nacht vom Hochwasser unbehelligt zu lassen. ``150 Meter'', sagt Eckehard, aber das hat er wohl pro Person gerechnet.
Nach meinen Erfahrungen auf Nordstrand in der Woche zuvor, bei der Wind der Stärke acht an unserem Zelt rüttelte, habe ich mir umgehend echte Strandhäringe gekauft. Diese breiten Erdanker drücke ich nun hier tief in den Sand und habe uneingeschränktes Vertrauen, dass nur ein Erdbeben mein Zelt noch aus seiner Verankerung reißen könnte.
Wie immer hat mein Kochgeschirr etwas Schwierigkeiten, die für vier Personen gedachte Menge Tortellini zu beherbergen ohne sich während des Kochvorganges allzu oft und heftig zu übergeben. Komischerweise hat mein Magen nicht im Geringsten derartige Probleme.
Hier an der Wasserkante von Amrum hat mein Handy etwas Mühe eine Verbindung zum Rest der Welt herzustellen, aber schließlich klappt es doch und ich kann kurz vor dem Schlafengehen beruhigende Worte nach Hause übermitteln.
![\includegraphics[width=\linewidth]{images/Kniepsand2.ps}](img3.png)
In der Ferne wischt das Rundlicht von Helgoland über den Horizont.
Die Nacht war lau, der Morgen ist mild. Ich hatte meinen neuen Wecker auf sieben Uhr gestellt. Aber, wie es meine Gewohnheit ist, bin ich kurz vorher aufgewacht und musste feststellen, dass man einen Drei-Marks-Wecker des Nachts nicht auf dem Rücken liegen lassen darf, weil dann seine Stellschraube aufsetzt und dadurch seine korrekte Funktionweise verhindert.
Es geht ein kräftiger Wind aus Nordnordwest - dorther, wo der Wahnsinn lauert. Ein Tee muss her, ein Darjeeling zur Feier des Tages. Während der Kocher fauchend arbeitet, mische ich die Grundierung der heutigen Energieversorgung an: Müsli mit Bioyoghurt.
Ich esse normalerweise kein Müsli, aber wenn es darum geht, direkt nach dem Frühstück den ganzen Tag über harte körperliche Arbeit zu verrichten und erst abends wieder nenneswert etwas zu sich zu nehmen, dann ist Müsli wirklich eine gute Grundlage, von der man lange zehren kann.
Auf diese Grundierung wird eine Lage kerniges ``Fitmacherbrot'' dick belegt mit Camenbert gegeben. Zur Konsistenzverbesserung wird das Ganze mit einem halben Liter des inzwischen fertigen heißen Tees übergossen. Tragischerweise habe ich dieses Mal vergessen, meinen Honig mitzunehmen. Da ist der Genuss nur noch halb so schön.
Draußen lauert ein schöner Morgen, aber leider auch Unmengen von Sand. Solange ich hier im Zelt bleibe, bleibt mir zwar das entnervende Geknirsche zwischen den Zähnen, hinter den Ohren und sonstwo erspart, aber eben leider auch der Genuß dieses schönen Morgens.
Der Strand hier vor Amrum heißt Kniepsand und das nicht ohne Grund: vor grauer Zeit war er wirklich ein der Insel vorgelagerter Sand und erst der unermüdliche Ansturm von Wind und Gezeiten hat ihn weichen lassen, so dass er eines Tages mit der Insel kollidiert ist.
Da liegt er nun - weiß, weich, verschwenderisch breit und nirgends ein Baum zu entdecken. Für manche Geschäfte könnte man schon einen oder besser mehrere gebrauchen, aber hier muss man sie sich denken. Mein schlechtes Gewissen von meiner letzten Fahrt hat zum Glück nachgewirkt, so dass ich diesmal mit einer Plastiktüte bewaffnet losziehe hinter einen besonders schönen gedachten Baum und außer einem Loch in der Landschaft, keine weiteren Spuren auf der Insel zurücklasse.
Der Wind hat während unserer morgendlichen Geschäftigkeiten eher etwas zugenommen und es geht bereits eine entsprechende Brandung. Zum Glück steht das Wasser heute etwas höher als bei unserer gestrigen Anlandung, so dass wir die Boote nicht ganz so weit schleppen müssen.
Der Start durch die Brandung bereitet keinem von uns ein ersichtliches Problem. Ich beobachte die brechenden Wellen sehr genau und finde eine Stelle, wo sich die Brandung teilt. Dadurch bekomme ich nur einen einzigen Brecher ins Gesicht, der zudem noch recht harmlos ist.
Im Boot sitzend stellt sich die See doch etwas anders dar als vom Strand aus. Die Wellen sind ziemlich groß und brechen unentwegt. Der Wind kommt von schräg vorne und hat etwa Stärke fünf. Meine Mitpaddler kann ich immer nur zeitweise sehen, wenn sie nicht gerade in einem der tiefen Wellentäler verschwunden sind.
Etwas weiter draußen kommen wir erst einmal zusammen und bestätigen uns gegenseitig unsere Entschlossenheit, die geplante Route auch zu fahren. Wir müssen bei diesem Seegang eng beieinander bleiben, was aber alles andere als einfach ist. Eine Rettung im Falle einer Kenterung würde wahrscheinlich nicht möglich sein, weil die ganze Mannschaft während des Vorganges in die Brecherzone und dann schließlich an den Strand getrieben würde.
Wir paddeln etwa eine knappe Stunde in Richtung Amrum Odde bis Eckehard das Kommando zur Umkehr gibt: es ist hier schon unkalkulierbar und am Gatt zwischen Sylt und Amrum, wo am Strand Buhnen das Anlanden zum Selbstmordversuch geraten lassen, würden wir nach etwa drei Stunden Paddelei in diesen Wellen nicht mehr über die Kraft und Konzentration verfügen, die man unter diesen Umständen dafür bräuchte. Wir wenden.
Unser neues Ziel ist Langeness. Während wir relativ weit draußen zurück paddeln, damit wir nicht in die sich aufbauende Brandungszone einer vorgelagerten Sandbank kommen, sehen wir einen Ausflugsdampfer um die Südspitze von Amrum luken - und wieder kehrt machen. Auch ihm ist die Situation etwas zu mulmig.
Mit dem kräftigen Rückenwind, der uns eben noch geärgert hat, geht es jetzt Richtung Osten auf die Westspitze von Langeness zu. Zum Aussetzen an der Rixwarft können wir den Fähranleger nutzen, da das Wasser hinreichend hoch steht. Wir haben jetzt viel Zeit, unsere Zelte aufzubauen und den Rest des Tages zu gestalten.
Während wir unsere Zelte aufbauen, sind die ganze Zeit über einige Pfadfinder damit beschäftigt, zwei offene Kanadier, ein Begleitboot und allerlei sonstiges Gerödel zum Fähranleger zu schaffen. Sie hatten die Kanadier tatsächlich für Touren auf der Nordsee benutzt. Ich bin für alles aufgeschlossen und immer interessiert, etwas auszuprobieren, was ich noch nie gemacht habe, aber ich würde es wohl nie riskieren, in einem offenen Kanadier auf der Nordsee herumzufahren.
Unsere erste Aktion gilt der kulturellen Erbauung und führt uns in die Station der Nationalparkverwaltung. Dort schiebt eine in der Länge etwas begrenzte Insulanerin ihr ``ökologisches Jahr'' und diskutiert geduldig mit Eckehard manche Frage, die Robben und Paddler gleichermaßen bewegt.
An unserem Zeltplatz kommen allerhand Leute vorbei, manche freundlich, manche neugierig, manche ohne Interesse. Irgendwann kommt ein Pärchen vorbei und der Mann stellt sich als Heinz Krause vor. Natürlich ist er Eckehard ein Begriff und natürlich entspinnt sich ein angeregtes Fachgespräch und wir machen einen Gegenbesuch an ihrem Zeltplatz. Sie haben eine sehr ähnliche Tour wie wir gemacht: gestern Amrum, heute Langeness und morgen Dagebüll. Im Gras liegen friedlich nebeneinander ihre beiden Kajaks: ``Fishermens's Friend'' und ``Fishermen's Girlfriend''.
Es ist schon gegen Abend, als ein Ausflugsdampfer anlegt, dem eine Gruppe Eingeborener entsteigt. Es sind die freiwilligen Feuerwehren von Amrum und Föhr, die einen Betriebsausflug machen. Sie hatten eigentlich zum Wrack der Pallas gewollt. Als der Kapitän den Seegang sah, hätte er sie nur gefragt, ob ihnen das Buffet oder die Pallas lieber sei. Man hat sich für das Buffet entschieden.
Die Telefonverbindung klappt hier besser als auf dem Kniepsand und ich kann meine Hasen daheim über meine Befindlichkeit informieren. Den Rest des Abends verbringen wir beim Wirt auf der Warft Hilligenley. Wir machen ein bisschen Umsatz, den Eckehard komplett alleine begleicht, denn er ist gestern still und heimlich fünfzig geworden. Schließlich ordern wir noch zwölf selbstgebackene Brötchen für morgen und begeben uns ins Bett.
In der Ferne wischt das Rundlicht von Helgoland über den Horizont.
Ich muss zwei Anläufe machen, die georderten Brötchen abzuholen, denn beim ersten Mal sind sie noch nicht fertig, dafür sind es beim zweiten Mal dreizehn Stück - für zehn Mark! Jedes dieser Brötchen ist mit hundert Gramm Teig gebacken, das ist fast das doppelte des sonst handelsüblichen. Neben dem Gewicht ist auch der Geruch einzigartig und der Geschmack - einfach köstlich. Da kann nicht einmal der Regen, der uns die ganze Zeit über einlullt, die Stimmung trüben.
Es ist Niedrigwasser und Wind um und bei vier bis fünf aus westlicher Richtung. Wir haben es nicht eilig, denn bis Schlüttsiel ist es nicht übermäßig weit und allzu früh wollen wir garnicht ankommen, weil wir dann nicht die maximale Strömung ausnutzen und das Wasser im Hafen nicht nicht hoch genug steht.
Da der Regen partout nicht aufhören will, baue ich mein Zelt von innen her ab, so dass ich zum Schluss nur noch das Überzelt nass zusammenlegen muss.
Gegen elf verlassen wir diese freundliche Insel. Als ich mein Schiff auf das Watt gelegt hatte, war das Wasser noch weit entfernt. Bis alle anderen Boote ebenfalls im Watt lagen und ich mich in meines setzen konnte, war das Wasser schon unter meinen Kiel gekrochen. Bis wir wirklich aufbrechen, hat mich die Flut bereits auf ihre Arme genommen und ich kann ohne das sonst übliche mühselige Stochern starten.
Wir folgen zuerst dem Langeness-Fahrwasser direkt nach Osten. Der Wind und die einlaufende Flut unterstützen uns mächtig und wir geraten immer wieder ins Surfen. Nach etwa fünf Kilometern macht das Fahrwasser einen Schlenker nach Süden. Wir hätten theoretisch auf geradem Kurs weiterfahren können Richtung Tonne L30, aber da wir in das größere Hauptfahrwasser wechseln wollen, schwenken wir ebenfalls nach Süden und steuern die Tonne L28 mit etwas Vorhalt an.
Wir haben jetzt Wind, Strömung und Wellen von der Seite und werden entsprechend heftig versetzt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verhalten meines Bootes, denn ich kann jeden Kurs ohne größere Mühe fahren. In die Leine für das Skeg habe ich zwei Knoten gemacht, so das ich es auf zwei verschiedene definierte Stellungen fixieren kann. Damit nehme ich die Grobeinstellung vor, das Feinverhalten dirigiere ich über Ankanten und entsprechende Paddelschläge.
Lüder und Sabine nehmen L28 in respektvollem Abstand in Luv. Ich gehe erst gar keinen Kampf mit Wind und Strom ein und passiere in Lee, denn unsere nächstes Ziel, die Leuchttonne Schlütt 4, liegt sowieso in dieser Richtung. Auch Eckehard will keinen unnötigen Umweg machen aber L28 trotzdem in Lee liegen lassen. Obwohl er als erfahrener Seehase um die Hinterlistigkeit von Seezeichen bei Strömung und Wind weiß, passiert er sie so knapp, dass sie ihm im allerletzten Moment doch noch eben hinter dem Cockpit ans Boot springt.
Auf dem weiteren Weg kommt uns eine Fähre entgegen. Sie fährt etwas außerhalb des Fahrwassers auf uns zu. Regulär müsste die Fahre im Fahrwasser fahren und wir würden ihr dort genau ins Gehege kommen. Um kein Risiko einzugehen, sammeln wir uns an der nahen Tonne und warten ab, wie sich die Situation entwickelt. Es ist nicht ganz leicht, in dieser rauhen See auf einem Fleck zu verharren, aber wohl das beste, was wir tun können, denn der Kapitän bedankt sich für unser deutliches Verhalten.
Wie wenig wir von anderen Schiffen gesehen werden, wird deutlich, als sich eine weitere Fähre von hinten nähert und erst etwa hundert Meter von uns entfernt ein Schallsignal abwirft. Der Kapitän hatte zuerst einzig Eckehard in seinem krassroten Trockenanzug gesehen. Unsere vermeintlich recht auffällig gefärbtem Schiffe sind die meiste Zeit unter Wasser oder im Wellental und somit nicht zu erkennen.
Auf dieser Strecke lassen sich immer wieder Seehunde blicken, auch in unmittelbarer Nähe zu unseren Booten. Es ist immer wieder ein possierlicher Anblick, wenn sie wie eine Ankerboje aus dem Wasser ragen und neugierig zu uns herüberblicken.
Etwa um ein Uhr laufen wir in Schlüttsiel ein. Eine schöne und interessante Fahrt in einer intimen Gruppe.
Altenholz, den 29. August 2002
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The translation was initiated by Mathias-H. Weber on 2002-08-29