``Um sechs ist Abfahrt - viertel vor laden wir dein Boot auf!'', damit hat Trenk seine letzte Gnadenfrist gesetzt bekommen. Jetzt ist es fünf und vor einer Stunde war der verabredete Zeitpunkt. So bröselt langsam aber sicher die Teilnehmerliste von anfänglich sieben Meldungen auf handliche drei Nasen: Klaus-Peter Bäzners, Peter Hüttemeyers und mein unscheinbarer Zinken. Dabei hätte es noch härter kommen können. Nach einer rauschenden Hochzeit am Wochenende zuvor hat mich der Virus gepackt und ich lag Dienstag und Mittwoch dermaßen tot im Bett, dass ich mich noch nicht einmal in der Lage sah, die Förde zu überqueren, geschweige denn so etwas verwegenes wie die Umrundung Fehmarns zu überleben. Andererseits war mir klar, dass die Teilnehmer nie wieder mit mir auf eine Kaperfahrt fahren würden, wenn ich sie erst anspitze und dann im Regen stehen ließe. Also habe ich zielstrebig alles daran gesetzt, meine Gesundheit und Leistungsfähigkeit wenigstens wieder soweit herzustellen, dass ich keine Gefahr für den Rest der Truppe darstellen würde.
Um viertel nach fünf kommt Trenk dann doch mit seinem Polo den Berg am Bootshaus herunter - sichtlich genervt: eine Stunde vor der Rader Hochbrücke im Stau - so schnell kann eine Paddeltour im Vorfeld scheitern. Wir diskutieren noch den Wetterbericht und dass WetterOnline.de seine Windvorhersage stündlich nach oben korrigiert hat. Wir werden wohl nicht mit den eigentlich erwarteten drei Windstärken zu rechnen haben, sondern mit fünf -- allesamt genau aus West. Damit -- und mit der weiteren Aussicht auf nordwestliche Winde -- steht der Drehsinn unserer Inselumrundung fest: dem Beispiel des Uhrzeigers folgend, um die lange, ausgesetzte Nordostküste von Fehmarn bei Rückenwind abreiten zu können. Das bedeutet, dass wir heute ca. 10 Kilometer bis direkt hinter den Leuchtturm Flügge am nordwestlichen Ende der Orther Reede paddeln wollen, um uns dort eine Platz für die Nacht zu suchen. Zehn Kilometer, das heißt ca. zwei Stunden. Geplant war, dass wir spätestens um 22:00 Uhr an Land gehen, also spätestens um 20:00 Uhr auf dem Wasser sein müssen. Mit einer guten Stunde jeweils für die Fahrt und die Beladung der Schiffe gerechnet, müssen wir um halb sechs am Klub los fahren. Trenk hätte nicht viel später kommen dürfen. Die Rechnung geht ziemlich gut auf, denn zehn Minuten nach acht sind wir in den Booten auf dem Wasser. Jetzt nur noch bis Flügge, dann gemütlich die Zelte aufbauen und die Tortellini genießen! Soweit der Plan! Doch der Reihe nach.
Wir hatten die ``Ortschaft'' Großenbroder Fähre als Start- und Einsetzpunkt auserkoren. Es liegt noch auf dem Kontinent genau neben der Fehmarn-Sund-Brücke und war halt früher das Einfallstor zur Insel. Wenn man allerdings die Kopfstein-gepflasterte Straße sieht, kann es sich allenfalls um eine Art Gartentor gehandelt haben. Aber früher war halt auch nicht so viel Verkehr wie heute. Und damit der viele Verkehr von heute auch ja nicht bis in dieses vergessene Örtchen dringt, hat man die Straße einfach mit einer quer gespannten Kette abgeriegelt. So landet man zwangsläufig auf dem Parkplatz neben Omas Frittenbude. Der ist, als wir ankommen, bis auf den letzten Platz belegt, so dass wir erst einmal in zweiter Reihe parken müssen, um die Lage genauer zu erkunden. Ein brummiger Eingeborener weist uns den Weg zum Wasser: Einige hundert Meter einen kleinen Privatweg entlang liegt linker Hand der Strand. Es ist sogar etwas Gras vorhanden, so dass das Packen der Sachen nicht allzu viel Sand mit in die Boote bringt. Wir sind natürlich alles ausgesprochene Pack- und Paddelprofis und entsprechend professionell gestaltet sich das Verstauen unserer Habseligkeiten. Nur leider bringe ich mit den überflüssigen Verpackungskisten und -tüten auch meine Sonnenbrille und meine Paddelmütze zurück zum Auto, wo sie den Rest des Wochendes warm und trocken liegen werden. Anfängerfehler! Zum Glück bin ich Profi genug, um immer eine zweite Sonnenbrille und neben meiner Schirmmütze noch einen Südwester dabei zu haben.
Es ist ein schönes Gefühl, mal wieder ein vollbeladenes Boot zu fahren! Es fühlt sich feist an und wohlgenährt und jeden Moment rechnet man damit, dass es rülpst. Beim Einpacken der Sachen hatten wir schon gemerkt, dass eine ordentliche Brise ging und im Sund waren reichlich weiße Schaumkronen zu sehen. Jetzt auf dem Wasser spüren wir die Wirkung. Da ist es in mancher Hinsicht hilfreich, wenn das Boot voll beladen ist. Der steife Westwind drückt das Wasser in die Bucht vor Heiligenhafen, durch die Enge des Sundes werden dann Wind und Wellen zusammengepresst und ergeben so eine höchst unangenehme Mischung widriger Umstände. Schon nach wenigen hundert Metern Strecke haben wir es mit Wellen zu tun, die sich gewaschen haben und selbiges mit uns tun. Die größten von ihnen türmen sich bis zu einem Meter hoch, denn neben dem Schub, den sie durch Wind und Strömung erfahren, laufen sie hier auf flaches Gelände, was sie abermals an Höhe gewinnen lässt. Die schweren Boote werden wie nichts durch sie angehoben, bohren sich oben kurz in den leeren Himmel und plantschen hinter dem Kamm spritzend tief ins Tal. Dort bohrt sich die Spitze tief in die nächste Welle, die den Bug wieder nach oben schmeißt und mit ihm eine Ladung Wasser nach hinten der Besatzung ins Gesicht schleudert. Es macht mir sofort einen Heidenspaß, mit diesen lebendigen Elementen zu spielen, aber ich beobachte erst einmal meine Mitpaddler. Ich bin noch mit keinem von ihnen in einer vergleichbaren Situation gepaddelt. Peter zieht mit seinem Kahn durch dieses Inferno, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Trenk juchzt und gluckst unter seiner Piratenkappe, so dass sich Sorge um ihn erledigt. Klaus-Peter arbeitet konzentriert und man sieht deutlich, dass er angespannt ist. Da die Wellen genau von vorne kommen und regelmäßig sind, stellen sie keine wirkliche Gefahr dar und ich weiß, dass sie Klaus-Peter nicht überfordern werden. Aber dadurch, dass er relativ stark stützend paddelt, machen wir nicht sehr viel Fahrt. Je näher wir der Brücke kommen, desto strammer wird der Wind, desto höher werden die Wellen und desto stärker die Strömung. Direkt unter der Brücke zerrt und rüttelt der Wind dermaßen stark am Paddel, dass man es aufmerksam festhalten muss, will man es nicht verlieren. Die reine Windgeschwindigkeit hier wird etwa acht Beaufort entsprechen. Als die Brückenpfeiler im Zeitlupentempo an uns vorbeikriechen, wird mir klar, dass wir den Leuchturm Flügge heute nicht mehr erreichen werden. Wir wollten eigentlich auf der Südseite des Sundes bleiben, bis er sich sichtlich weitet, um nicht in der maximalen Strömung die Fahrrine queren zu müssen. Mit dem geänderten Plan gehen wir bald auf die Nordseite des Sundes und peilen den Eingang der Orther Reede an.
Es pfeift auch westlich der Brücke noch herzzerreißend und wenn man sich umsieht, scheint sich ihr Spannbogen nicht wirklich von uns zu entfernen. Im Schneckentempo zentimetern wir uns vorwärts der unaufhaltsam untergehenden Sonne entgegen. Bei diesem Tempo würden wir den Leuchtturm erst nach Mitternacht erreichen. Morgen soll der Wind ja nur noch mit drei Beaufort blasen, so dass es nicht lohnt, sich jetzt für etwas zu verausgaben, was es morgen fast geschenkt gibt. In weitem Bogen fahren wir in die Orther Reede genannte große Bucht ein. Sie ist als gesamtes nur zwischen einem und zwei Meter tief, so dass die Wellen hier nicht mehr so hoch auflaufen. Aber sie ist leider auch voller großer Steine, die nicht alle so nett sind, wenigstens teilweise aus dem Wasser zu ragen. Irgendwo weisen die Wellen seitlich vor mir ein merkwürdiges Verhalten auf und ich erkenne noch rechtzeitig, dass hier ein riesiger Stein gerade so tief unter der Oberfläche liegt, dass er im Wellental eben noch mit Wasser bedeckt bleibt. Eine Kollision bei diesem Wind und Seegang könnte die Tour schnell beenden! Wir wollen die Fahrt für heute beenden, nur eben möglichst nicht mit einem Loch im Boot. Wir einigen uns darauf, den in der Karte eingezeichneten Campingplatz anzulaufen und schrammen zum geplanten Zeitpunkt von ca 22:15 Uhr an den ungeplanten Strand von Strukkamp. Da der Empfang nicht mehr geöffnet hat, requirieren wir in eigener Regie eine Parzelle für unsere Stoffhütten. Das Schiksal hat es gut mit uns gemeint und uns ein ausgesprochen ruhiges Campingareal beschert: wie uns ein am Strand stehender Gast glaubhaft versichert, bellen die Hunde hier nach 22 Uhr nicht mehr!
Mein erster Gang morgens führt mich über den Deich. WetterOnline.de hat wahrscheinlich seine Zahlen wieder mal nach oben korrigiert, denn die ganze Nacht hindurch blies der Wind mit unverminderter Stärke und entsprechend sieht die Ostsee aus: Überall weiße Schaumkronen. Wir haben eine schöne Strecke harter Arbeit vor uns. Im Halbschlaf und im Rauschen der Pappeln über uns habe ich mir immer wieder überlegt, dass es im Ernstfall kein Problem sein würde, die Fahrt an fast beliebiger Stelle abzubrechen. Zwei würden per Taxi zu den Autos zurückfahren und sie nachholen. Selbst einen irgendwo unterwegs zurückzulassen, wäre möglich.
Meine theoretischen Überlegungen bekommen eher praktische Relevanz als gedacht: Klaus-Peter hatte gestern abend schon Magenprobleme, die sich über Nacht nicht gebessert haben. Mit drehendem Magen gegen Windstärke fünf anpaddeln, ist keine gute Idee. Wir würden mindestens zwei Stunden gegen den Wind paddeln müssen und der Wetterbericht für heute sagt keine Besserung voraus. Ohne große Diskussion kommen wir überein, dass Klaus-Peter hier auf dem Camping-Platz auf uns wartet und wir ihn am Ende der Tour wieder einsammeln werden.
Wir haben genug Ausrüstung dabei und teilen sie so auf, dass keiner etwas vermissen muss. Gegen zehn Uhr schließen sich die Spritzdecken zum Teil Zwei unserer Inselumrundung. Es ist kein großes Abenteuer dabei, über eine sechs Kilometer breite, leidlich flache Bucht zu paddeln, aber genau in der Mitte kreuzt ein Segelboot unseren Kurs, so dass wir kurz innehalten müssen, um eine Kollision zu vermeiden. In solchen Situationen kann man immer trefflich über die verbreiteten Diskurse zur Vorfahrtsregelung zwischen Segelbooten und Paddelbooten sinieren: Vorfahrtsrecht hin oder her -- kein Segler hat auch nur im entferntesten auf der Rechnung, hier draußen auf so etwas niederes wie ein Paddelboot zu treffen. Man würde uns höchstens bemerken, wenn es knirscht.
Es hat eine gute Stunde gebraucht und viele, viele Paddelschläge, bis wir den Leuchtturm querab liegen haben. Nach dieser Zeit ist mein Akku leer und ich fahre auf Reserve mit verminderter Geschwindigkeit. Das Loch, das die zwei Tage Fieber gerissen haben, ist noch nicht wieder aufgefüllt. Leider zeigt der Wind kein Verständnis und bläst uns nach wie vor direkt ins Gesicht. Während der nächsten Stunde, die ich verbissen gegen den Wind und die Wellen kämpfe und immer mehr gegen die beiden anderen zurückfalle, kommen ernste Zweifel in mir hoch, ob ich die Umrundung tatsächlich schaffe. Andererseits besteht keine Notwendigkeit umzukehren, also sage ich mir, dass ich einfach soweit paddele, wie ich komme. Nach drei Stunden bin ich dann aber so mürbe, dass ich eine Pause brauche. Wir sind zwar noch nicht ganz wie geplant an der Nordspitze, aber was sein muss, muss sein.
Nördlich des Fastensees setzen wir uns in den Windschutz hinter den Deich und lassen es uns gut gehen. In strahlendem Sonnenschein gönnen wir uns eine Erholung vom stinkenden Neopren und vernaschen allerlei Leckerheiten. Als wir unseren Kurs von reichlich West auf reichlich Nord gewechselt hatten, hatte sich eine furchterregende Front am Horizont aufgebaut und zog auf uns zu. Außer einem halben Dutzend Regentropfen und etwas auffrischendem Wind, ging sie aber spurlos an uns vorüber. Hinter ihr riss dann der Himmel immer weiter auf, so dass wir jetzt mehr Sonne als Wolken zu sehen bekommen. Es ist nicht viel Publikumsverkehr hier, ein paar Radfahrer, ein paar Wanderer, aber nicht schlendernd, eher zielgerichtet. Das Wetter ist wohl zu ruppig für reinen Müßiggang. Nach meiner Daumenpeilung hätten wir nach drei Stunden etwa die Nordspitze erreichen sollen. Wir sind jetzt noch etwa zweieinhalb Kilometer davon entfernt -- kein schlechtes Ergebnis für die Umstände. Meine Zuversicht wächst, zumal der Wind schon in der letzten Stunde nur noch von quer kam und bald sogar direkt von hinten schieben wird.
Nach eineinhalbstündiger Akkuladepause stechen wir wieder in See und erreichen im Nu das Markelsdorfer Huk, den nördlichsten Punkt Fehmarns und Wendepunkt unserer Fahrt: ab hier hilft uns jetzt der Wind! Was für ein anderes Gefühl! Statt verbissen jeden Meter erarbeiten zu müssen, kann man hier gleiten, die Wellen für sich nutzen, euphorisch auf ihnen nach vorne schießen, die Sonne, das Wasser und die Landschaft genießen.
Bis hierher hat sich die Küste Fehmarns sehr flach gezeigt, von Nehrungen geglättet, hinter denen sich Seen und Teiche gebildet haben. Paradiesische Verhältnisse für viele Wasservögel und in Teilen als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Das Wasservogelreservat Wallnau ist ein bekanntes Schutzreservat, in dem über 80 Vogelarten brüten. Durch den Umstand, dass hier Süßwasserseen direkt hinter der Grenze zum Salzwasser liegen, trifft man gleichermaßen auf Bewohner beider ökologischen Welten. Wir treffen vorwiegend auf Brandenten, Gänsesäger, Austernfischer und Eiderenten, die auch hier, wie ich es schon auf der Nordsee beobachtet habe, eigene Wege bezüglich Kooedukation gehen: relative große Gruppen ausschließlich mit Weibchen und Männchen manchmal nur mit einem Weibchen oder ein, zwei anderen Männchen. In einer Entfernung von gut einem Kilometer vom Strand entdecke ich einen Haubentaucher, der normalerweise auf Salzwasser überhaupt nicht anzutreffen ist.
Die Sicht ist ausgezeichnet. Das ist schön, denn so kann man die Landschaft studieren und genießen. Das ist aber auch frustrierend, weil man sieht, wie unendlich weit man noch paddeln muss und dass die Dinge am Horizont nur so widerwillig näher kommen. Zudem fällt es schwer, ohne Ortskenntnisse den Dingen ihre Entsprechung auf der Karte sicher zuzuordnen. Ist der Knick der Küstenlinie da hinten schon die Stelle, wo eigentlich das Niobe-Denkmal stehen müsste? Oder ist es der Knick der Küstenlinie, der auf der Karte auf halbem Wege dorthin eingezeichnet ist? Aus der Vogelperspektive sieht das immer alles so einfach aus. Zwar könne wir uns hier kaum verirren, aber wenn das da vorne nicht der Niobe-Knick ist, dann liegt der noch Meilen dahinter und es dauert ewig, bis wir ihn erreichen. Erst als wir ziemlich nahe an dieser Stelle sind, erkenne ich einen schlichten Segelmast am Ufer, der keinen anderen Zweck haben kann, als als Denkmal zu dienen. Die Frage: ``Sind wir jetzt besonders langsam oder besonders schnell?'' entscheidet sich zu unseren Gunsten.
Am 26.Juli 1932 ereignete sich etwa 8 km von hier eine Tragödie. Das Segelschulschiff ``Niobe'' hatte überwiegend junge Offiziers- und Unteroffiziersanwärter an Bord, die noch keine allzu große seemänische Erfahrungen hatten und auf diesem Schulschiff der damaligen Reichsmarine ausgebildet werden sollten. Nach dem Auslaufen aus Kiel näherte sich die Niobe gerade der Insel Fehmarn, als sich das Wetter dramatisch verschlechterte. Plötzlich schoß eine Fallböe herunter, die Niobe legte sich auf die Seite und kenterte schließlich. Das ganze Unglück dauerte kaum zwei Minuten. Zwar waren zwei Schiffe schnell bei der Unglückstelle, ließen Rettungsboote zu Wasser und konnten 40 Überlebende bergen, dennoch ertranken 69 Menschen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, so plötzlich mit einem Segelschiff zu kentern und bin froh, in meinem Kajak zu sitzen, in dem ich auch nach einer Kenterung noch gute Chancen habe.
Nach dem Niobe-Knick zeigt unser Kurs deutlich nach Süden und die einzig kritische Stelle der Umfahrung wird sichtbar: Der Fährhafen von Puttgarden. Wir haben eine lange Weile Gelegenheit, die Frequenz der ein- und auslaufenden Schiffe zu studieren. Zu meiner Überraschung sind tatsächlich relative große Lücken dazwischen und praktischerweise kommt die einfahrende Fähre sehr kurz nach der auslaufenden, so dass uns die maximale Zeit dazwischen zur Verfügung steht. Der Bereich zwischen den Ansteuertonne und den Molenköpfen ist für die Sportschifffahrt gesperrt. Aber die Ansteuertonnen liegen etwa zwei Kilometer vor dem Hafen und der Abstand zwischen ihnen beträgt ebenfalls zwei Kilometer. Das erscheint uns übertrieben und wir entschließen uns, an der Steuerbordtonne 3, die nur 500 Meter vor dem Hafen liegt, das Passieren beider Fähren abzuwarten und dann zur nur 500 Meter entfernten Tonne 4 zu eilen. Das ist zwar nicht regelgerecht, aber ich halte das auch im Nachhinein für die sicherste Variante.
Direkt hinter dem Fährhafen schlagen wir uns im Schatten des Leuchtturms Marienleuchte ans Ufer. Wir sind super gut vorangekommen, es ist erst früher Nachmittag und wir haben unser für heute gestecktes Ziel fast erreicht. Da gönnt man sich doch gerne eine ausführliche Pause mit Teekochen und Nickerchen in der Sonne.
Der folgende Küstenabschnitt ist für mein Empfinden der schönste von Fehmarn. Dieser östliche Teil der Insel ist höher gelegen, hügeliger und nur durch wenige Campingplätze erschlossen. Es ist fast durchgängig eine Steilküste vorhanden, die an vielen Stellen mit Laubwald bewachsen ist. Peter entdeckt den ``Waldpavillion'', eine Villa, die wunderschön mitten im Wald liegt und auf deren Terasse man in der stillen Morgenkühle sitzend, sich die Hände an einer heißen Tasse Kaffee wärmend, die wohligen Strahlen der goldgelb über der Ostsee aufgehenden Sonne über die geschlossenen Lider einsaugen kann. Ein andermal.
Der Plan sagt eigentlich, dass wir bis kurz vor Staberhuk, der südöstlichsten Spitze, fahren wollen. Aber plötzlich entdecken wir einen wunderbar weichen, ebenen Strandabschnitt der vom dahinter liegenden Steilhang vor jedem Windhauch beschützt wird, dass wir beschließen, hier an Land zu fallen und unser Lager aufzuschlagen.
Der einzige Nachteil dieses Ortes ist, das er telefontechnisch offensichtlich schon zu Dänemark gehört und man den Steilhang hochklettern muss, wenn man über ein deutsches Telefonnetz mit seinem Handy telefonieren will. Wir rufen Klaus-Peter an, dem es schon wieder besser geht, und verabreden mit ihm, dass er uns morgen entgegen paddelt und wo wir uns treffen werden.
``Auf Fehmarn kommt alles einen Tag später'', haben wir von den redseligen Eingeborenen hier gelernt. Das erklärt, warum wir gestern bestes Wetter hatten, während es in Kiel regnete und wir heute unter einer geschlossenen Wolkendecke aufwachen.
Gestern abend hat mein Kocher strikt seinen Dienst verweigert und es hat sich wieder einmal gezeigt, wie praktisch es ist, in einer Gruppe zu fahren und entscheidende Dinge mehrfach dabei zu haben. Auch wenn man sich dann von Peter anhören muss, dass Benzinkocher (sinngemäß zitiert) Mist sind. Zum Glück habe ich auch das notwendige Werkzeug mit und so mache ich mich an die Reparatur meines Benzinkochers. Ich habe ihn mir erst vor ein paar Tagen für teueres Geld erstanden und es ist quasi der ``Bang & Olufson'' unter den Campingkochern, also muss er auch funktionieren. Nach wenigen Handgriffen und kräftigem Durchpusten besinnt er sich wieder seiner Pflicht und erhitzt rauschend im Nu mein Teewassser.
Pünktlich um 9 Uhr kräht ein Hahn. Ich bin zuerst etwas verwirrt, denn hier ist weit und breit kein Bauernhof, bis ich merke, dass es aus meiner Hose kommt und ich hektisch nach meinem Handy fummele. Ich rechne mit einer Nachricht von Klaus-Peter, aber auf dem Display steht nur die Erinnerung: ``Morgen Hochzeitstag!'' Sehr praktisch diese modernen Geräte!
Das Wetter wird allmählich besser, so dass sogar unsere Zelte, auf denen sich in der Nacht sehr viel Nässe niedergeschlagen hat, fast wieder trocken sind, als wir sie in die Boote packen. Wir sind gestern fast 40 Kilometer weit gefahren und haben für heute nur noch eine kleine Strecke vor uns. Allerdings wird es natürlich bald gegen den Wind gehen, so dass es nicht so bequem werden wird wie gestern nachmittag. Die Strecke bis zum Kap Staberhuk ist im Nu durchrauscht und bietet uns wie gestern einen Blick auf abwechslungsreiche Steilküste. Zwar gibt es überall steinige Strandabschnitte, an denen man besser nicht anlandet, aber dazwischen liegen immer wieder gutmütige Sandabschnitte, an denen es kein Problem ist, ohne Schäden am Boot an Land zu kommen. Ich hatte bei der Vorbereitung eigentlich mit größeren Problemen gerechnet, in der Nähe der Südspitze ohne Gefahren und Probleme an Land zu kommen.
Vor dem Kap selbst liegen große Steine bis weit hinaus im flachen Wasser, so dass wir einen weiten Bogen schlagen. Der kleine Leuchtturm, der sich hier in die Büsche kuschelt, als wollte er nicht gesehen werden, lässt uns ahnen, dass dies hier ein rauher Punkt auf der Welt ist, auch wenn eine gemütliche Bank davor darüber hinweg zu täuschen versucht.
Kompasskurs West - und sofort sind die Verhältnisse komplett anders: nicht mehr gemütliches Gleiten umgeben von entrückter Landschaft, sondern Arbeiten gegen den Wind, Stampfen durch die Wellen und im Blick immer die drei Hochhäuser von Burgtiefe in gut sieben Kilometer Entfernung. Wieder wird die gute Sicht zum Fluch: Sieben Kilometer mit drei bis vier Beaufort von vorn - da dauert einfach nur lange, bis die Hochhäuser sichtbar wachsen. Der Wind hat mir meinen Südwester so tief ins Gesciht gedrückt, dass ich garnicht bemerkt habe, dass der Nordwestwind uns allmählich immer weiter vom Ufer weggeweht hat. Da ich mir wenigstens eine kleine Abschattung direkt unter Land erhoffe, fahre ich näher an den Strand. Hier sind zwar die Wellen kleiner, so dass mein Boot nicht mehr so plumpst, aber Abschattung ist hier beim besten Willen nicht zu spüren.
Je näher wir Burgtiefe kommen, desto bevölkerter wird der Strand. Burgtiefe ist so etwas wie Palma de Fehmarn: Hier konzentriert sich das touristische Geschehen und türmt sich zu überdimensionalen Bettenburgen, Wellenbad und allerlei Hotels. Bei der Überquerung des Fahrwassers in den Burger Binnensee, entdecken wir Klaus-Peter, der uns entgegen paddelt. Was für ein Timing! Wieder beieinander machen wir erst einmal Pause auf dem Wulfener Hals, lassen uns von der Sonne durchwärmen, naschen ein Eis und beobachten das Treiben am Strand.
Die verbleibenden knapp fünf Kilometer fährt Peter ohne Paddeljacke - drei Tage lang im eigenen Saft schmoren, sind ihm genug Reiz für seinen Riechkolben. Es ist auch nichts schlimmes mehr zu erwarten, die Sundbrücke ist bald wieder sichtbar und weist uns sicher den Weg. Die Steilküste hier ist von faustgroßen Löchern übersät wie ein Schweizer Käse. Es handelt sich hier um die größte Uferschwalbenkolonie ganz Deutschlands. Obwohl Fehmarn reichlich mit Steilküste gesegnet ist, wissen wohl auch Uferschwalben die Vorzüge einer Südhanglage zu schätzen und siedeln nur hier.
Den Sund queren wir erst unmittelbar vor der Brücke und lassen uns dann vom Rückenwind direkt auf den Strand zutreiben, von dem aus wir vor zwei Tagen hoffnungsfroh gestartet sind. An Ommas Kiosk genehmigen wir uns eine stramme Curry-Wurst, die ordentlich Feuer im Hintern hat. Zum Glück hat Omma aber auch gekühlte Getränkedosen - ohne Pfand! Zufrieden von einem erfüllten Wochenende packen wir unsere Sachen zusammen und fahren Richtung Heimat - nicht ohne eine weitere Weisheit der Eingeborenen mitzunehmen: ``Sonntag abend, wenn die Touristen abfahren, kommt auf Fehmarn das gute Wetter!''.
Auch wenn man mit der Umrundung theoretisch einen Vollkreis beschreibt und so letztlich in jede Richtung paddeln muss, kann man stark vereinfachend sagen, dass sich Fehmarn durch einem Dreieck beschreiben lässt: Die südliche Kante von Staberhuk zum Leuchtturm Flügge liegt mehr oder minder genau in Ost-West-Richtung, die westliche von Flügge zur Nordspitze in Nord-Süd-Richtung und von der Nordspitze nach Staberhub in Nordwest-Südost-Richtung. Die kritische Kante ist die letztere, sie sollte man mit Rückenwind fahren, woraus mehr oder minder zwangsläufig folgt, dass man die Südkante gegen den Wind zurücklegen muss. Das ist anstrengend und da ist es schlau, die Bewältigung dieser Strecke auf zwei unterschiedliche Tage zu verteilen, was wiederum heißt, etwa in ihrer Mitte zu starten. Da war Großenbroder Fähre schon garnicht schlecht gewählt, aber auch andere Orte auf der Insel selbst kämen in Frage inklusive des Campingplatzes bei Strukkamphuk.
Altenholz, den 19. Juni 2004
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The translation was initiated by Mathias-H. Weber on 2004-06-19