Die Nacht war wieder sehr windig. Ich konnte erst nicht recht einschlafen und habe auch dann nur sehr schlecht geschlafen. Kurz vor halb neun stehen wir auf -- am Himmel gibt es einen blauen Fleck. Der Plan für heute ist einfach und steht fest: Gepäck runter, wir wieder hoch, Boote runter. Um genau zehn Uhr sind wir abmarschbereit. Wir schlagen uns zum Wanderweg durch und trotteln ihn entlang.
Bald müssen wir Kleidung ablegen, denn die Sonne hat den Himmel inzwischen ziemlich blankgeputzt. Bei dieser Gelegenheit untersuchen wir auch gleich unseren Kocher, denn der produziert permanent einen ziemlich penetranten Gestank. Wir können nichts schlimmes finden. Als wir auf der Höhe des richtigen Wasserfalles angelangen, setzen wir uns auf einen großen Felsen, vernichten einige Rosinen und Nüsse und betrachten uns den Fluss von oben.
Eigentlich müsste man die Strecke bis zum Wasserfall im Wesentlichen befahren können -- gewiss mit einigen Umtragungen. Und wenig unterhalb des Wasserfalls kann man wieder einsetzen. Also beschließen wir, nur den schlimmen Wasserfall entlang die Boote über den Wanderpfad zu tragen und ansonsten so viel wie möglich zu paddeln.
Bei Fallstedt fängt eine Schotterstraße an, der wir bis Downtown folgen. Schotterstraßen sind unser beider Ding nicht. Es ist einfach nur ermüdend, ihnen zu folgen. Man hat nur noch das Ziel im Kopf, muss nicht auf den Weg achten, denn der ist ja plan -- und das macht ihn lang.

Abbildung: Ein guter Platz für ein Vogelnest
Bei Downtown platzieren wir unsere Rucksäcke unter einer in Selbstauflösung befindlichen Holzhütte. Jeder von uns steckt sich noch zwei Müsliriegel ein. Ich biete eines davon Richard an und genehmige mir selbst das andere.
Zurück hoch. Etwa dort, wo man Blick auf den großen Fall hat, begegnen wir den Norwegern. Wir stellen unsere Frage: Es geht! Einer von uns muss morgen früh mit der Fähre am anderen Ende des Biglake ankommen, den nehmen sie dann in ihrem kleinen Auto mit. Welch Glückes Geschick!

Abbildung: Das Gepäck ist unten - zurück hoch am großen
Grossfall vorbei.
Beschwingt und erleichtert, dass sich das Rückholen des Autos so einfach gestaltet, hechten wir den Rest des Berges hoch. Kurz vor Erreichen unserer Boote treffen wir auf einen Regenschauer und eine Gruppe von ca. sechs Anglern und davon zwei der weiblichen Sorte. Sie suchen einen schönen Zeltplatz. Wir bieten ihnen unseren an. Sie sind sich noch nicht ganz im Klaren darüber, in welche Richtung wir paddeln werden. Wir klären sie auf und versichern, dass wir kein Risiko eingehen werden.

Abbildung: Wir wollen dieses letzte Stück noch paddelnd genießen.
Die ersten paar hundert Meter kann man bedenkenlos paddeln. Dann kommen einige fahrbare Stromschnellen, die wir natürlich alle vorher inspizieren. Bald schon müssen wir ein längliches Stück tragen, bei dem wir natürlich beide Boote gleichzeitig nehmen. Aus einem mir anfangs unerfindlichen Grund strengt mich das Tragen heute unheimlich an. Ich schiebe es zuerst darauf, dass ich wenig und schlecht geschlafen habe. Aber eine andere Tatsache hat bestimmt noch viel mehr dazu beigetragen: Nach dem Frühstück habe wir nur noch je einen Müsliriegel unten in Downtown und einen oben bei Erreichen unserer Boote gegessen. Frühstück war um neun, der letzte Müsliriegel um dreizehn Uhr und jetzt ist es fünfzehn Uhr. Da nimmt es nicht Wunder, dass wir nicht mehr gar so spritzig sind.

Abbildung 5.4: Der Fluss ist ziemlich verblockt.
Fortan quälen wir uns wie ausgemergelte Überlebende einer gescheiterten Expedition durch die Landschaft. Paddeln können wir kaum noch -- neunzig Prozent der Zeit sind wir mit Vorausschauen, wieder Zurückkommen, Umtragen, Einsteigen und Aussteigen beschäftigt. Und ich bin dann noch die Hälfte der verbleibenden Zeit beschäftigt, meine Spritzdecke dazu zu überreden, vernünftig zu schließen. Der Rest ist Paddeln!
Entsprechend lange brauchen wir, bis wir die Stelle erreichen, an der der dahinter tosende Wasserfall jede Illusion des Paddelns zerbraust. Hier müssen wir noch einmal die Fluss-Seite wechseln, denn auf ausdrücklichen Wunsch eines einzelnen Richards sind wir zuerst am rechten Ufer gelandet, weil er wenigstens einmal erkunden wollte, ob es hier vielleicht nicht einfacher sei, die Boote entlang zu tragen. Der Weg auf der anderen Seite würde auf jeden Fall eine Herausforderung sein, das wussten wir ja schon.

Abbildung 5.5: Beide Boote auf den Schultern tragen wir sie am
Wasserfall vorbei.
Zum Wechseln der Seiten bleibt uns hier nicht viel Raum, denn wir sind ja schon ziemlich dicht am ``Punkt ohne Wiederkehr''. Ich habe schon bei vielen vorher befahrenen Stromschnellen die Erfahrung gemacht, wie überraschend leicht es ist, aus einer Hauptströmung heraus zu paddeln und in ein Kehrwasser einzufahren, worin man praktisch unmittelbar auf Geschwindigkeit Null gebracht wird. So kann ich bis etwa zehn Meter vor dem Wasserfall in ein kleines Becken einbiegen und anlanden. Richard hat etwas mehr Respekt vor dem Sog und landet früher an.
Zum Wanderweg hoch schleppen wir die Boote einzeln. Das ist auch ziemlich nötig, denn es geht senkrecht den steilen Hang hinauf. Auf dem Weg selbst werden wieder beide Lasten gleichzeitig transportiert. Besonders schwierige Stellen versüßen wir uns mit dem Luxus, ein Boot liegen zu lassen und nur das andere über diese Passage zu befördern. Ein einzelnes Boot zu tragen, ist wie Pause machen, man kann die Schulter wechseln, wann man will und der Hintermann sieht sogar, wohin er tritt. Wenn wir das liegengelassene Boot nachholen, nehmen wir das vordere, nachdem wir es denn erreicht haben, einfach auf die Schulter, ohne das andere groß abzusetzen. So benötigen wir lediglich eine gute Stunde, bis wir unsere Boote unterhalb des Falls in einen Teich schieben.
Achtzehn Uhr -- seit neun Stunden nichts mehr gegessen! Es dauert gute fünf Minuten, bis der See durchpaddelt ist. Danach ist wieder das Begutachten der Stromschnellen angesagt. Die sehen alle recht ordentlich aus -- anspruchsvoll zwar aber schaffbar. Leider müssen wir feststellen, dass das Ganze am Ende mit einer richtigen Fallstufe abgeschlossen wird, die wir wohl kaum im Boot durchstehen würden. Da es bis dorthin nirgends eine Stelle gibt, die einen geregelten Rückzug erlauben würde, ist die Sache mal wieder klar: Umtragen.
Wir wollen unsere Arme, Rücken und Schultern solange wie möglich schonen und treideln die Boote noch einige Dutzend Meter im Fluss entlang. Da sie sich hierbei aber dauernd verhaken und in jedes sich bietende Kehrwasser einfahren, ist auch diese Methode zum einen wenig entspannend und zum anderen erheblich langsamer als konsequentes Tragen.
Dazu haben wir bald Gelegenheit, denn sehr schnell ist auch Treideln nicht mehr möglich. Das mit der Konsequenz hat allerdings seine Grenze, indem wir uns entscheiden, ab jetzt immer nur noch ein Boot einzeln zu tragen. Doch auch das ist in unserer Verfassung noch zermürbend genug.
Um neunzehn Uhr erreichen wir -- im Magen nichts als Stolz -- mit unseren Booten den Biglake! Schnell noch auf die andere Seeseite paddeln -- dann sind wir gerettet. Wir stellen fest, dass der Wasserstand des Sees gegenüber dem letzten Mal erheblich höher liegt. Außerdem kann man die Erhöhung des Füllstandes nicht allzu lange her sein: in etwa einem dreiviertel Meter Tiefe wächst Blaubeerkraut.
Auf der Wiese, die wir noch bis zu unseren dem Hunger Linderung versprechenden Rucksäcken überqueren müssen, bricht Richard theatralisch zusammen, um seinem Zustand Ausdruck zu verleihen. Er schafft es dann aber doch aus eigener Kraft bis zur Hütte. Hier werfen wir erstmal einige Rosinen und Nüsse als Sofortmaßnahme ein. Danach sind wir in der Lage, richtige Brotscheiben abzuschneiden und mit Belag zu garnieren. Zwischendurch müssen immer fingerdicke Scheiben Salami drohende Schwächeanfälle abwenden.
Wir suchen uns in einer kleinen Nische, die die Wiese in den
angrenzenden Birkenbewuchs treibt, unseren Zeltplatz und erfreuen uns
an dem direkt dahinter verlaufenden Bächlein, das unsere
Wasserversorgung gewährleistet. Vor dem Abendbrot gehen wir noch zur
Tourist-Hütte Downtown, um hier die Abfahrtszeiten der Fähre in Erfahrung
zu bringen. Unsere wird morgen um acht Uhr dreißig gehen und weil
morgen Samstag ist, fährt die letzte von Seeshaupt zurück nach Downtown
um 17
Uhr -- phantastisch, wie sich eins zum anderen fügt. So
schaffe ich es möglicherweise, morgens loszufahren, das Auto zu holen
und am gleichen Abend wieder mit der Fähre in Downtown einzulaufen.
Zufrieden begeben wir uns zum Zelt und leiten die Zubereitung der vier bis sechs Portionen Tortellini mit Tomaten-Sahne-Sauce ein. Zum ersten Mal auf unserer Tour sind wir ziemlich überfüttert -- die drei Scheiben Brot waren halt noch nicht allzu lange her. Ich sage meiner Multi-Funktionsuhr noch, dass sie morgen früh um sieben Uhr Alarm schlagen soll und begebe mich in die Waagerechte. Ohne noch einmal Piep zu sagen, schlafen wir ein.

Abbildung 5.6: Der ``Norweger''

Abbildung 5.7: Die ``Norwegerin''