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Prolog

Dies ist die Beschreibung des dritten Teiles eines Unternehmens, das aus drei Reisen in den Jahren 1990, 1993 und 1998 bestand.gif Auf der ersten Reise bin ich allein eine Woche im Fjell unterwegs gewesen, um den Ort des Geschehens in Augenschein zu nehmen. Ich wollte sehen, ob es möglich sei, ein Boot etwa acht Kilometer weit und fünfhundert Meter hoch durch das norwegische Gebirge zu schleppen, um dann damit einem etwa hundert Kilometer langen Wasserlauf aus Seen, Flüssen, Stromschnellen und Wasserfällen zu folgen. Meine erste Einschätzung war sehr ernüchternd: Der Anstieg war viel zu steil, um ihn mit dem Boot zu bewerkstelligen und die Stromschnellen waren allesamt nicht befahrbar. Am Ende der ersten Reise stand fest, dass mein Vorhaben nicht mit vertretbarem Aufwand zu realisieren sei.

Allerdings hatte ich eine Fotografie gemacht, die das Gebiet des ersten steilen Anstieges von einem recht hohen Berggipfel aus zeigte. Und diese Fotografie betrachtete ich in der Folgezeit immer wieder. Ich erkannte, dass sich die Steigung des Anstieges nicht gleichmäßig über die gesamten acht Kilometer verteilte sondern sich auf den Anfang und das Ende konzentrierte. Dazwischen sah es auf der Fotografie ziemlich eben aus.

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Abbildung: Das ``Tal der Tränen'': der eher waagerechte Teil des acht Kilometer langen Anstiegs.

Je länger ich mir das Bild ansah, desto flacher wurde das Gelände und desto verklärter die Erinnerung an die steilen Stücke. Eine Woche war auf jeden Fall zu eng, wie meine erste Erkundung gezeigt hat. Also müsste man auf jeden Fall zwei Wochen einplanen. Dann hätte man für die ersten acht Kilometer mindestens zwei Tage zur Verfügung. Zwei Tage für acht Kilometer! Das sollte man schaffen können.

Und wenn man nun noch einen geländegängigen Bootswagen hätte! Ich habe mir alle im Handel erhältlichen Exemplare angesehen, doch keiner erfüllte meine Erwartungen. Also habe ich mir ein Schutzgasschweißgerät gekauft, bin in den Eisenhandel gegangen, um mich mit Stahlrohren zu bewaffnen und habe mir selbst einen zusammengeschweißt.

Das größere Problem war es, einen geeigneten Partner für solch ein Unternehmen zu finden. Er müsste wasserdicht sein, kräftig und auch nach vierzehn Tagen Regenwetter moralisch noch nicht durchgeweicht. Ich hatte einige Leute im Sinn, aber von Anfang an war ich mir sicher, dass Richard am besten passen würde. Meine Befürchtung, dass er mich freundlich milde anlächeln würde, aber dieses Jahr und nächstes Jahr und wahrscheinlich auch die nächsten neunundneunzig Jahre leider keine Zeit dafür finden würde, erwiesen sich als unbegründet. Er reagierte interessiert neugierig.

Zur besseren Beurteilung, wie sich so ein Boot verhält, wenn man es durch die Berge schleppt, haben wir ein Wochenende in den Harburger Bergen trainiert. Zum Glück hat es ziemlich geregnet, so dass außer ein paar uns verdattert nachschauenden Mountainbike-Fahrern niemand unterwegs war. Das Training verlief dermaßen erfolgversprechend, dass wir uns sogar eine Chance ausrechneten, den Anstieg in einem Tag zu schaffen.

1993 wollten wir dann die Idee in die Tat umsetzen. Das Zweier-Faltboot, das wir mit uns führten, wog ca. vierzig Kilogramm und war wegen seiner Unhandlichkeit auch zu zweit untragbar. Wir haben es in einem verbissenen Kampf gegen die Gravitation in zwei Tagen acht Kilometer weit gen Himmel gewuchtet, um dann festzustellen, dass der See, in den wir es dann tunken wollten, randvoll mit Schnee und Eis und damit unbefahrbar war. Ein Umtragen hätte uns zuviel Zeit gekostet, so dass wir uns entschieden, das Boot denselben Weg wieder talwärts zu befördern.

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Abbildung 1.2: Der Eissee im September '90

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Abbildung 1.3: Der Eissee im August '93

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Abbildung 1.4: Der Eissee im August '98

Fünf Jahre und zwei Töchter später habe ich mich wieder mit Richard auf den Weg gemacht, durch die norwegischen Berge zu paddeln. Diesmal hatten wir zwei Einer-Kajaks dabei -- eine Konsequenz aus unseren damaligen Erfahrungen.


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Mathias-H. Weber