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Sonnabend, den 01. August 1998

Heute ist der Tag der Wahrheit. Wir stehen etwa um acht Uhr auf und nehmen ein ausgiebiges und kräftiges Frühstück zu uns. Danach kommt der spannende Moment, ob wirklich alles, was wir mitgenommen haben, auch in unsere Rucksäcke passt. Nach einer ganzen Weile und einigen ratlosen Blicken, wie man denn dieses oder jenes noch unterbringen soll, ist es geschafft: da stehen zwei bis zum Bersten gefüllte Rucksäcke und warten darauf, bewegt zu werden. Unter mehrfachem Anrufen des Gottes der Vielschlepper (``Hyrrka!'') schaffen wir es, die drallen Dinger in die ihnen zugedachte Position zu wuchten. Meiner wiegt mit einiger Sicherheit an die fünfunddreißig Kilogramm -- Richards wird auch nicht viel leichter sein. Aber sind die Dinger erst mal da, wo sie hingehören, kann man sie ganz passabel tragen.

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Abbildung: Blick zurück

Die ersten paar hundert Meter geht es den Weg entlang -- meine Socken sind nach spätestens zehn Schritten so weit nach vorne gerutscht, dass sie nur noch den großen Zeh umschließen. Bei Richards Boot angekommen ziehe ich die langen Wandersocken außen über die Hose. Vielleicht hilft das. Wir haben uns entschlossen, neben den Rucksäcken auch noch Richards Boot mit hoch zu nehmen -- das erspart ´ne Menge Lauferei. Das bringt allerdings auf der anderen Seite noch mal fünfundzwanzig Kilogramm Gewicht auf unsere Fußsohlen -- zwölfeinhalb für jeden, so dass wir mit unseren Unterhosen, Socken, Gummistiefeln und was wir sonst noch so am Leibe tragen, auf etwa fünfzig Kilogramm kommen, die es gilt, in die Höhe zu wuchten. Wir haben uns entschlossen, nicht den Schotterweg entlang zu traben, sondern den großen Fluss direkt am Parkplatz zu queren und den wesentlich direkteren Anstieg zu wählen.

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Abbildung 3.2: Noch lacht er!

So ein Boot am langen Arm zu tragen, ist keine große Sache, aber leider geht es gleich mächtig bergan und das bringt uns ziemlich ins Schnaufen und unser Herz pumpt auf Volltouren. Zwar müssen wir etwa alle hundert Meter das Boot absetzen und uns selbst auf einen Stein, aber es ist -- einfach gesagt -- nur sehr schwere Arbeit und nicht Quälerei wie beim letzten Mal. Außerdem habe ich jetzt die letztgültige Methode, meine Socken zu arrangieren, gefunden: zuerst die langen Socken über die Wanderhose ziehen und dann die kurzen Wollsocken über selbige -- funktioniert einwandfrei und alles andere ist Kokulores.

Nach einiger Zeit treffen wir auf den normalen Wanderweg, der eben doch einfacher zu begehen ist als wegloses Gelände. Hier kommen die Bilder der damaligen Schinderei wieder plastisch ins Gedächtnis: wir erkennen die Heidelbeerbüsche wieder, in die wir uns weiland mit den Zähnen festgebissen haben, um nicht von dem schweren Boot talwärts gezogen zu werden. Dagegen ist unser heutiges Unternehmen -- bei aller Plackerei -- fast angenehm zu nennen.

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Abbildung 3.3: Auf geht's!

Hundertmeterweise erarbeiten wir uns den Hang. Oben auf der Kuppe überholen uns zwei Norweger -- jeder mit etwa sieben Kilogramm Gepäck beladen -- und erkundigen sich sehr interessiert nach unserer Mission. Sonst ist kaum Verkehr zu vermelden von dieser Strecke.

Am See angekommen lässt Richard mir die Ehre zuteil werden, dass ich im Boot fahren darf. Mein Rucksack wird kurz auf Maß gestutzt und schon verschwindet er unter dem Vordeck. Leider muss ich feststellen, dass dieses Boot katastrophale Geradeauslauf-Eigenschaften hat: ich bin mehr damit beschäftigt, den Kurs innerhalb einer akzeptablen Abweichung von tex2html_wrap_inline190745tex2html_wrap_inline1909 zu halten, als dass ich Vorschub erzeuge. So trifft Richard, der eigentlich den längeren Weg zurückzulegen hatte, gleichzeitig mit mir am Ende des Sees ein. Als ich ihm mein Leid klage, gesteht er mir, dass es auch seine Absicht gewesen sei, mir mal die Fahreigenschaften dieses Bootes zu demonstrieren. War sehr lehrreich.

Bei meinem Boot angekommen legen wir eine ausführliche Pause ein. Danach halten wir sogar ein kleines Nickerchen im einsetzenden Regen. Um zehn nach zwei machen wir uns ``nur'' mit unseren Rucksäcken bewaffnet wieder auf unsere dampfenden Socken Richtung Eissee. Wir wollen ganz hoch -- keine halben Sachen.

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Abbildung: Zügig bergan

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Abbildung: Auch wenn die Rucksäcke voll und schwer sind, lassen sie sich recht problemlos tragen

Nach einer guten Stunde machen wir eine ausgiebige Pause. Wir sind bereits höher als unser damaliger zweiter Rastplatz. Von hier aus sieht man bereits die Hütten, von denen aus es nur noch einen kleinen Anstieg bis zum Pass bedeutet. Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch können wir den Eissee sehen: keine Spur von Eis und noch weniger Schnee!

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Abbildung 3.6: Die Ebene vor dem Eissee

Wir bauen unser Zelt auf, damit wir -- wie Richard es formuliert: ``... solange laufen können, wie wir wollen'', wenn wir unsere Boote holen. Ich rechne kurz hoch, als wir uns talwärts auf die Socken machen: Jetzt ist es halb sechs - eine Stunde für den Abstieg plus Pause -- um sieben Uhr mit den Booten loslaufen -- das heißt, wenn alles gut geht, sind wir um 22tex2html_wrap_inline1897Uhr mit den Booten am Zelt.

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Abbildung: Das Gepäck ist oben, jetzt gilt es ``nur'' noch, die Boote nachzuholen

Ohne Gepäck sind wir ziemlich schnell, aber wir brauchen gut eineinviertel Stunden für den Abstieg. Unterwegs begegnet uns eine Familie mit Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Hund und reichlich Gepäck, die gerade ihren Zeltplatz aufsucht. Direkt danach treffen wir auf ein Pärchen mit riesigen Rucksäcken und allerlei Röhren und Gestäng. Wir vermuten, dass sie ein Boot diesen Hang hinaufbefördern.

Richard hat sich seinen Rucksack ohne Inhaltsstoffe mit nach unten genommen. Er will sein Boot quer daran festschnallen. Es ist tatsächlich kurz nach sieben, als wir uns Richtung See auf den Weg machen. Richard muss noch hin und wieder etwas an seiner Verzurrung optimieren und mir macht es Mühe, mich ständig umzudrehen und meinen Rhythmus zu unterbrechen. Also versuchen wir, jeder seinen eigenen Stiefel zu stiefeln und gehen so doch ziemlich synchron den Weg nach oben: Mal geht er hundert Meter vor, mal bin ich voraus, mal trotten wir einträchtig hintereinander.

Am Zeltplatz der Familie räumt die Mutter ein letztes Mal den Vorplatz auf und will gerade im Zeltinneren verschwinden, als ihr Blick unsere Boote erheischt. Man sieht förmlich, wie es in ihr stutzt und sie sich Fragen stellt. Dann taucht sie kurz ins Zelt ein und wenig später steckt einer nach dem anderen seinen Kopf hervor, um sich zu überzeugen, dass die Mutter nicht phantasiert.

Um 21tex2html_wrap_inline1897Uhr etwa machen wir jeder eine Pause und diesmal an der gleichen Stelle. Ich teile Richard meine Einschätzung mit, dass wir wohl noch eine Stunde benötigen werden, aber er sagt: ``Eine halbe -- mehr laufe ich einfach nicht!''. Auch wenn es recht gut geht, das Boot mittels Rucksack quer durch die Landschaft zu schaffen -- es bleibt mörderisch anstrengend, ebenso wie mein Boot bei aller Kompaktheit und Handlichkeit nicht verheimlichen kann, dass es seine dreißig Kilogramm Eigengewicht über lediglich zwei dünne Riemchen auf meine Schultern wirken läßt. Ich hatte es zu Hause einmal durch unsern ganzen Garten getragen -- und das hatte mir eigentlich schon gereicht.

Es ist ca. halb zehn als Richard sich das Boot vom Rücken nimmt und es in ein Rinnsal Schmelzwasser setzt, um es darin bis zum Zelt zu ziehen. Um 21tex2html_wrap_inline1915Uhr erreiche ich das Zelt -- Richard trifft kurz darauf ein -- das Rinnsal nahm einen ziemlichen Umweg.

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Abbildung 3.8: Richard im Rinnsal

Wir sind ungemein stolz auf uns und voller Frohgemut. Weil es schon so spät ist, wollen wir ein schnelles Abendbrot kochen -- wir haben einen Bärenhunger. Ich schlage ``Kräftigen Erbseneintopf'' mit derben Würstchen vor und ernte großen Beifall. Leider stellen wir fest, dass das Zeugs zwanzig Minuten kochen soll -- nun ja! Es schmeckt prima und nach einer abschließenden Tasse heißen Kakaos ziehen wir uns ins Reich des Schlafes zurück.

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Abbildung 3.9: Gutes Essen ist alles


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Mathias-H. Weber