Heute ist es neun Uhr, als wir die Nacht beenden. Nach unserer Berechnung müssen wir heute nur einen etwa dreieinhalb Kilometer langen Abstieg bewältigen und dann den letzten See überqueren, bevor uns für Freitag nur noch der Abstieg den Grossfall hinunter bleibt.

Abbildung 4.41: Gruppenfoto ohne mich
In altbewährter Manier ist unser Gepäck bald geschnürt und auf dem Rücken platziert. In unserem gewohnt zügigen Schritt hechten wir talwärts. Obwohl uns der letzte Teil der Stromschnellen fahrbar erscheint, bringen wir die Rucksäcke bis zum See -- sicher ist sicher. Beim Hochgehen treffen wir wieder auf die Norweger, die gestern einen See weniger als wir gepaddelt sind, weil sie noch von einem Hüttenbesitzer eingeladen worden sind. Diesem Hüttenbesitzer und seinen sieben Brüdern gehört alles Land bis nach Fallstedt und jede Hütte darauf. Die vermieten sie für achttausend Kronen die Woche an Interessenten.
Bei den Booten angekommen schlüpfen wir hinein und paddeln die ersten zweihundert Meter. Danach kommen für uns unbefahrbare Stromschnellen. Wenig später könnte man wieder fünfzig Meter paddeln und dann müsste man wieder aussteigen. So geht es eigentlich die ganze Strecke entlang und wir daher entschließen wir uns, die gesamte Strecke zu tragen.

Abbildung: Alle Achtung vor ihrer Leistung! Mit einem Kanu hätte
ich die Strecke nicht fahren mögen.
Erst relativ weit unten setzen wir die Boote wieder ein. Hierher haben sich auch die Norweger vorgearbeitet. Die ersten Rippeln sind keine große Hürde für Wildwasserexperten von unserem Schlage. Doch die abschließende Kurve nehmen wir sehr genau in Augenschein. Wir beschließen, sie einzeln und nacheinander zu fahren, der jeweils andere soll eine Foto machen. Ich komme ziemlich problemlos hindurch, aber natürlich kommt mich eine Welle im Inneren des Bootes besuchen. Sie ist einfach über das Vordeck geschwallt, den Spritzdeckenkamin hochgeklettert und dann ins Innere entschwunden. Hier hat sie intime Bekanntschaft mit meiner Hose, Unterhose und meinen Strümpfen gemacht, bevor sie sich in den Gummistiefeln zur Ruhe setzte. Richard wird in diesem Abschnitt etwas unglücklich mitgespielt, wodurch sein Adrenalinspiegel arg in die Höhe getrieben wird.

Abbildung 4.43: Richard wagt eine Abfahrt...

Abbildung: ... und kommt mit Glück durch
Als wir in der Bucht, in der unser Gepäck steht, ankommen, haben auch die Norweger diese Stelle gemeistert und legen kurz an. Sie wollen noch einen See weiterfahren, was bei uns zu einiger Verwirrung führt, sind wir doch der Meinung, am letzten befahrbaren See vor den ultimativen Wasserfällen angekommen zu sein. Wir blicken kurz gemeinsam in die Karte und sie erklären uns, dass da sehr wohl noch einige Stufen und seeähnliche Abschnitte folgen. Wir machen trotzdem hier unsere Pause.

Abbildung 4.45: Ich wage dieselbe Abfahrt...

Abbildung 4.46: ... finde einen besseren Weg als Richard ...

Abbildung 4.47: ... und werde lediglich ziemlich nass.
Es hat in der Zwischenzeit angefangen zu regnen und wird für den Rest des Tages auch nicht mehr aufhören. Nach einer ausgiebigen Stärkung und reichlich heißem Tee verschwindet wieder alles in den Booten und wir müssen das erste Mal seit dem legendär windstillen Tag auf dem Eissee selbst für unseren Vortrieb sorgen -- sonst hatten uns immer entweder Wind oder Strömung mit einer erklecklichen Grundgeschwindigkeit versorgt.
Es ist eine gänzlich andere Stimmung, über eine nur vom Regen in ihrer Ebenmäßigkeit gestörten Seeoberfläche zu fahren, als über eine vom Wind aufgewühlte oder von der Sonne zum Glitzern gebrachte. Es ist absolut ruhig -- rundherum keine Hütte zu sehen, kein Mensch am Ufer, kein Boot auf dem Wasser.
Irgendwann hört dieser See einfach auf. Gleichzeitig hört man ein bedrohliches Rauschen, das von einem mächtigen Wasserfall herrühren muss. Wir können aus der niedrigen Perspektive unserer Boote heraus keine Stromschnellen ausmachen, es sieht so aus, als wenn der ganze See einfach über eine scharfe Kante wegbricht.

Abbildung: Das war eben noch ein völlig ruhiger See!
Wir legen am Nordufer an und werfen einen näheren Blick auf dieses Phänomen. Und tatsächlich: ohne es weiter vorher durch Rippeln anzukündigen, stürzt der See zunächst über eine schräge Felsplatte, dann im freien Fall in die Tiefe. Bis zur nächsten Paddelmöglichkeit ist es noch ein ganzes Stückchen Arbeit, das wir garnicht mehr erwartet haben. Allerdings scheint uns die Strecke kurz genug, dass wir meinen, die Boote nicht ausladen zu müssen, sondern sie voll wie sie sind auf die Schultern nehmen zu können.
Wir beginnen mit Richards Boot. Da wir uns beständig dem Meeresniveau angenähert haben, haben wir mittlerweile auch die Baumgrenze durchschritten -- von unserem gestrigen Zeltplatz aus konnten wir die ersten Bäume sehen. Besonders dicht stehen sie an den Nordufern der Seen und Flüsse, denn hierhin scheint ja am frühesten und längsten die Sonne. Schlauerweise waren wir ja am Nordufer angelandet und sehen uns jetzt diesen Geschöpfen der Vegetation gegenüber.
Obwohl sich ein Trampelpfad durch diesen Dschungel windet, ist es gelinde gesagt sehr unangenehm, ein Boot hier hindurch zu tragen. Es weigert sich einfach, die engen Windungen des Pfades mitzumachen und zwingt uns immer wieder durchs ungezähmte Gebüsch. Irgenwann geben wir entnervt auf, lassen das Boot liegen und sehen uns den weiteren Verlauf des Weges erst einmal so an. Ehrlich gesagt, wird es eher schlimmer als besser und als wir eine Holzhütte erreichen, von der aus man einen Blick auf den See hat, sehen wir das norwegische Pärchen am anderen Ufer angeln und dass auf dieser Seite so gut wie keine Bäume sind, dafür aber der Weg zum See völlig eben und erheblich kürzer ist, als der den wir gewählt haben.
Proforma grummeln wir noch irgendetwas in den tropfnassen Wald und begeben uns zurück zum Boot, um es mit all seinen Inhaltsstoffen an den Augangspunkt zurückzuochsen. Hier hätte meine Regenhose ihren Auftritt haben sollen, aber die liegt ja gut und trocken in meinem Tagesrucksack in Völkersen. So streife ich also mit meiner Hose die Regentropfen von jedem Busch und Baum, was den Vorteil hat, dass meine Socken nicht mehr rutschen, weil sie klatschnass sind.
Wir paddeln kurz zum anderen Ufer und tragen die Boote hier ohne die geringsten Probleme über den wahrlich gutmütigen Weg zum unteren See. Wird dies der letzte See sein? Es dauert nicht lange, bis auch er abrupt und ohne erkenntlichen Grund endet. Hier haben wir die Norweger wieder eingeholt, die uns stolz einen Blick in ihre Plastiktüte werfen lassen: sechs mittelgroße Forellen haben darin ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ergebnis lediglich einer dreiviertel Stunde Angeln -- während wir unser vollbeladenes Boot in den Wald gerammt haben!

Abbildung 4.49: Paddler sind freundliche Menschen!
Das Umtragen hier sind nur ein paar Meter, der nachfolgende Teich ist auch nicht viel länger. Hier müssen wir allerdings eine Ehrenrunde drehen, damit der Norweger noch ein Foto von uns schießen kann, wie wir so schön einträchtig nebeneinander her durch den Regen über den stillen See paddeln. Noch eine letzte Stelle zum Umsetzen und der definitiv letzte See ist erreicht.

Abbildung: Die andere Methode, Boot und Gepäck durchs Land
zu schaffen.
Wir suchen uns einen schönen Zeltplatz und schlagen das nasse Zelt auf -- in den Stromschnellen heute morgen ist nicht nur Wasser in meine Stiefel gedrungen. Alles, was lose im Boot lag, ist mehr oder weniger vom Wasser beglückt worden. Da alles, was ich am Leibe habe, ebenfalls klatschnass ist, verspricht es, ein feucht-fröhlicher Abend zu werden. Während ich im Zelt sitze und koche, dampfe ich am ganzen Körper vor mich hin: die nackten, schrumpeligen Füße, die Oberschenkel und sogar die Arme. Aber das ist ein gutes Zeichen -- solange ich dampfe, trocknen meine Sachen.

Abbildung: Trüber Tag - aber nass bin ich eh schon.
Richard äußert die geniale Idee, dass wir unsere norwegischen Freunde fragen könnten, ob nicht Platz für eine Person von uns im kleinen Auto ihrer Mutter ist, mit dem sie wieder nach Schafstal fahren wollen, um ihr eigenes Auto zu holen. Wir werden sie fragen.