next up previous contents
Next: Donnerstagden 06. August Up: Paddeln Previous: Dienstagden 04. August

Mittwoch, den 05. August 1998

Mittlerweile scheint sich acht Uhr als unser Zeitpunkt herauszustellen, an dem wir die Nacht für beendet betrachten. Ebenso stellt sich heraus, dass wir für unser komplettes morgentliches Geschäft knappe zwei Stunden benötigen, so dass wir um viertel vor zehn mit den Rucksäcken auf den Schultern den Abstieg beginnen.

Das Gelände ist keine große Herausforderung und unsere Rucksäcke werden langsam doch leichter. Der untere Teil des Weges führt durch hüft- bis schulterhohes Buschwerk, das uns beim Bootstransport sicherlich nach Kräften am Vorankommen hindern wird. Beim Aufstieg kommen uns wieder die Norweger entgegen. Wir haben mittlerweile ein ziemlich synchrones Vorgehen entwickelt. Auch wenn beide Parteien sich grundsätzlich unterschiedlich fortbewegen, sind wir doch unterm Strich genau gleich schnell.

Bei den Booten angekommen, paddeln wir noch etwa hundert oder zweihundert Meter weit, bis wir wieder die Dinger auf die Schultern wuchten bzw. an den Arm hängen. Dank unserer mittlerweile gesteigerten Leidensfähigkeit kommen wir auf diese Weise ganz gut voran. Wir sind auf jeden Fall erheblich schneller als die Norweger, die sich mit ihrem Gepäck und dem Boot gleichzeitig bewegen. Die Buschstrecken im unteren Teil des Weges machen ihnen doch arg zu schaffen und hier holen wir sie ein. Es entwickelt sich wieder ein netter Plausch und der Mann übergibt uns seine Karte, damit wir Kontakt mit ihm aufnehmen können, wenn wir einmal in Norwegen sind -- eine außerordentlich nette Geste.

  figure537
Abbildung: Schlechtes Wetter am Brüdernsee

Unten am Brüdernsee angekommen legen wir wieder eine Pause ein, in der ich die erste Ritter-Sport-Schokolade auf den Markt schmeiße. Obwohl die Norweger eigentlich nur wenig später als wir hier am See eintreffen müssten, tauchen sie nicht auf. Da sie uns aber schon einige Male Lügen gestraft haben, wenn wir uns Sorgen machen wollten, lassen wir es diesmal gleich. Irgendwann machen wir uns auf und lassen uns vom auch heute wieder wehenden eisigen Wind über den See schieben.

Die Verbindungsstrecke zum Langsee ist nach der Karte wieder Stromschnellen- und Portage-verdächtig, aber der Höhenunterschied zwischen den beiden Seen beträgt nur vier Meter. So können wir die gesamte Strecke das Gepäck im Boot belassen und müssen nur ein- oder zweimal umsetzen. Am Langsee angekommen, steht uns eine längere Paddelstrecke über offenes Wasser bevor. Der Wind kommt direkt und kräftig von hinten und der Langsee liegt genau in seiner Richtung und ist völlig gerade. So können wir den Wind also optimal ausnutzen.

  figure549
Abbildung: Mit Rückenwind über den Langsee

Leider kann der Wind auch die Gelegenheit ausnutzen, auf diesem langen See einen beachtlichen Wellengang aufzubauen. Auf Grund des äußerst gutmütigen Verhaltens meines Schiffes kann ich völlig entspannt mit diesen Wellen spielen, mich von ihnen treiben und schaukeln lassen und sie sogar mir der freundlichen Unterstützung zeitweise kräftiger Böen von hinten überholen. Es macht einen Heidenspaß!

  figure557
Abbildung: Ziemlich strammer Rückenwind!

Richard ist nicht ganz so glücklich über diese Umstände. Als ich mich umsehe, ist er ziemlich dicht unters Ufer gefahren. Ich nähere mich ihm und frage nach seinem Befinden. Sein Boot bricht bei diesem Wind und den Wellen immer aus und daher möchte er aus Sicherheitsgründen lieber in der Nähe des Ufers fahren, auch wenn ihm hier die durch die Wellenreflexionen verursachten Kabbelungen zusätzliche Schwierigkeiten machen. Ich halte Blickkontakt und fahre wieder weiter hinaus.

  figure565
Abbildung: Blick über den Langsee Richtung Westen

Am Ende des Sees haben die Wellen richtig beachtliche Ausmaße, besonders weil der Wind beständig an Stärke zugenommen hat und uns hier grimmig um die Ohren pfeift. Mit einem Affenzahn segeln wir auf das Ufer zu und suchen uns einen leidlich geschützten Platz, um aus den Booten zu steigen. Wir wollen eine Pause einlegen und schaffen die Boote über ein paar Felsen auf die andere Seite des Hügels. Ich will noch eben hinter die nächste Kurve sehen und dann noch hinter die nächste und dann noch ... . So bin ich fast eine dreiviertel Stunde unterwegs gewesen, als ich wieder zurückkomme und Richard ist zurecht etwas sauer.

  figure573
Abbildung: Die Hütten versorgen sich hier per Flugzeug

Wir sind heute wieder gut und schnell vorangekommen, so dass wir beschließen, den vor uns liegenden Abstieg auf morgen zu verschieben, damit wir die verbleibende Strecke etwas gleichmäßiger aufteilen. Wir finden ein sehr windgeschütztes Plätzchen, wo wir die angekündigte Pause nachholen und unser Zelt errichten. Richard macht noch seinen allabendlichen Erkundungsgang und ich bringe mein Tagebuch etwas voran. Als Richard zurückkommt, packt er sein Schachspiel aus und wir brüten stundenlang über den sechzehn Figuren.

  figure581
Abbildung: Wunderschöner Zeltplatz. Richard Sachen sind sogar etwas getrocknet.


next up previous contents
Next: Donnerstagden 06. August Up: Paddeln Previous: Dienstagden 04. August

Mathias-H. Weber