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Dienstag, den 04. August 1998

Gestern hatten wir kilometermäßig nicht viel geschafft -- zum einen auf Grund unser noch nicht perfekten Technik beim Ein- und Auspacken und weil wir etwas früher als geplant unser Zelt aufgeschlagen haben. Also müssen wir heute etwas zulegen. Da der Wind gegenüber gestern um mehr als neunzig Grad gedreht hat, fahren wir schon mal mit seiner kräftigen Unterstützung über den unteren Zwillingssee. Wir sind mächtig schnell und kommen teilweise sogar ins Surfen. Es dauert keine halbe Stunde, da ist dieser See überquert, das Wasser verengt sich, Strömung macht sich bemerkbar. Aber nur Rippeln, kein Schaum und nirgends sind wir genötigt auszusteigen, um die Lage zu peilen.

Mit dem Wind im Rücken ist auch die nächste Wasserfläche im Nu überquert. Hier verengt sich der Strom wieder und erzeugt sogar einige Schnellen. Die sind aber so harmlos, dass wir sie mit Gepäck durchfahren. Und schon wieder haben wir einen See erreicht. In meinem Höhenprofil hate ich ihn ``Namenloser See'' getauft. An seinem Ende treffen wir wieder auf die beiden Norweger, die in den Stromschnellen angeln.

Er hätte heute bei jedem Wurf einen Fisch am Haken gehabt, aber fast alle wieder hineingeworfen, weil sie zu klein gewesen seien. Einen, den er behalten hat, zeigt er uns. Er sieht aus wie eine Forelle und hat total rotes Fleisch wie ein Lachs. Diese Stelle scheint ein beliebter Angelplatz zu sein, denn es stehen eine ganze Reihe Leute am Ufer, die ihre Haken ins Wasser halten. Und ``Zwiebach'', die Ansammlung von Holzhütten, die hier schon fast eine Ortschaft ausmacht, deutet ebenfalls auf eine herausragende Bedeutung dieses Platzes hin.

Die Norweger sagen uns noch, dass der Nordarm das meiste Wasser führt und dass er wohl fahrbar ist, denn er legt einen größeren Weg zurück als derjenige, an dem wir gerade stehen. Wir inspizieren ihn sicherheitshalber noch einmal. Nach unserer Einschätzung lässt sich das alles fahren -- also werfen wir uns todesmutig hinein.

Es geht hin und her und auf und ab und alle naselang taucht direkt vor einem wieder irgendso ein dämlicher Stein auf, der nur fünf Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegt -- aber wir meistern sie alle, haben sogar noch die Ruhe, beim Befahren der letzten Stromschnelle den hier postierten Anglern einen freundlichen Gruß zuzuwerfen.

Als nächstes soll nach einigen teichartigen Verbreiterungen eine länglich Engstelle mit der Bezeichnung ``Longriver'' auf uns zu kommen. Für dieses Teilstück hatten wir uns schon auf eine ziemlich sichere Portage eingestellt. Kurz hinter einer Biegung, an der wir wieder zum Kontrollblick ausgestiegen sind, liegt auch ein ziemlicher Wasserfall. Danach ist eine ganz zivile Stelle und dann kommen wieder heftige Schellen -- und so geht es eigentlich die ganze Zeit über etwa vier Kilometer. Wir entschließen uns, das Gepäck die gesamte Strecke bis zum nächsten See hinunter zu bringen und mit den Booten nachzukommen.

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Abbildung 4.31: Marsch durchs Marschland

Mittlerweile dauert es nur noch knapp eine halbe Stunde, bis wir all unser Gepäck aus den Booten in die Rucksäcke verfrachtet haben. Der Weg den Longriver entlang führt durch ziemlich viel Sumpfgebiete. Man sinkt zwar bei jedem Schritt bis zum Knöchel ein, aber es geht sich trotzdem gut darauf. ``Physiotherapeutisch wertvoll!'' wie Richard bemerkt. Obwohl unsere Rucksäcke bisher nicht nennenswert an Gewicht verloren haben, sind sie uns keine wirkliche Last. Wir haben uns zum einen schon daran gewöhnt, sie zu tragen, zum anderen geht es dankenswerter Weise im Schnitt abwärts. Nach einer knappen Stunde erreichen wir den Banksee und deponieren hier unser Gepäck. Ohne Last durch die quatschenden Wiesen zu stapfen, macht sogar richtig Spaß. Spätestens hier weiß man, warum man zum Wandern in dieser Gegend Gummistiefel anzieht!

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Abbildung: Es geht sich gut und zügig über dieses schmatzende Moor

Wir tragen unsere Boote gleichzeitig, meines auf der Schulter und Richards am langen Arm, am ersten heftigen Wasserfall vorbei. Danach setzen wir sie ins Wasser und uns hinein. Wir können das allermeiste dieses Teilstückes fahren, nur ab und zu steigen wir kurz aus und tragen beide Boote am langen Arm um allzu turbulente Stücke herum. So sind wir in noch schnellerer Zeit mit den Booten unten am See, als wir vorhin für den unbepackten Rückweg gebraucht haben.

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Abbildung 4.33: Unbefahrbar

Hier gönnen wir uns erst mal eine ausgiebige Pause, denn für heute wollen wir nur noch an das Ende des vor uns liegenden Sees paddeln. Mit dem immernoch unvermindert wehenden Rückenwind ist das ein Kinderspiel. Als wir am seinem Ende ankommen, haben wir kilometermäßig weit mehr zurückgelegt, als wir uns für heute vorgenommen hatten. Wir finden einen wunderschönen Zeltplatz auf einer Ebene mit Blick auf den See und nur hundert Meter von den Norwegern entfernt, die es vorziehen, an schrägen Hängen zu zelten. Richard macht noch einen Abendspaziergang und erkundet unsere morgige Tragestrecke. Dabei begegnet er einem Rentierpärchen.

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Abbildung 4.34: ``Das lassen wir wohl lieber!''


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Mathias-H. Weber