Halb acht -- und wieder scheint die Sonne auf unser Zelt! Zwar hatte es gestern abend noch ziemlich lange geregnet, aber wenn dann am nächsten Tag die Sonne scheint, soll mir das sehr recht sein. Allerdings ist es schweinekalt, insbesondere weil ein recht forscher Wind geht. Im Zelt sind es zwölf Grad.

Abbildung: Wunderschöner kalter Morgen
Während wir frühstücken, entzünden unsere norwegischen Nachbarn ein Lagerfeuer. Wir unken, dass sie nicht nur nicht ausreichend zu essen mitgenommen haben und daher angeln müssen, sondern auch kein Brennstoff dabei haben, so dass sie am Lagerfeuer kochen müssen.

Abbildung 4.20: Morgentoilette im Fluss
Um kurz vor zehn sind wieder alle Ausrüstungsgegenstände in den Booten verstaut, so dass wir loslegen. Natürlich ist der Fluss jetzt viel reifer, denn er muss ja nicht nur das Wasser das aus dem Eissee abfließt, aufnehmen sondern auch das aus dem Hüttensee und allen kleinen Zuflüssen, die bis hierhin liegen und ihre Fracht in den Goldsee ergießen. Auf gut deutsch: er führt ordentlich Wasser! Das erleichtert das Fahren von Stromschnellen ungemein. Zwar kann man immer noch auf Steine auflaufen, aber es gibt fast immer einen Weg zwischen ihnen hindurch, auch wenn sie einen, insbesondere Richard, magisch anziehen.

Abbildung 4.21: Paddeln bei hinreichend Wasser
Die stehenden Wellen sind größer und es macht einen irren Spaß, durch sie hindurch zu reiten. Langsam bekommen wir ein richtiges Gefühl für die Möglichkeiten, die man hat, seinen Weg durchs Wasser und an den Steinen vorbei günstig zu beeinflussen. Nach den ernüchternden Stochereien am unteren Eissee lässt dies hier wieder ungezügelte Euphorie aufkommen. Wir kommen hervorragend zurecht -- auch mit den Abschnitten, die ich vor acht Jahren auf meiner Solotour begutachtet hatte und von denen ich noch heute weiß, dass ich damals skeptisch war, ob man sie mit einem Faltboot würde befahren können.

Abbildung 4.22: Die ersten Schnellen im Meandertal nach dem Goldsee
Der Strom ist sehr verästelt und wir fahren ein- bis zweimal in einen toten Arm. Im Nachhinein kann man sagen, dass der linke Arm immer der richtige war. Bald müssen wir an Land gehen und ausladen, weil wir eine Stelle nicht befahren können. Wir schleppen die Rucksäcke ein paar hundert Meter weiter ans Ufer, holen die Boote nach, laden alles Gepäck wieder ein, stechen in See -- nur um nach hundert Meter Paddelstrecke das gleiche noch einmal zu praktizieren! Das war eine ziemlich blinde Aktion.

Abbildung: Die Strömung ist kräftig aber gutmütig
Eine längere Strecke, die wir mit unseren Rucksäcken umtragen, wirkt nicht sehr erschreckend auf Richard sondern vielmehr einladend. So tragen wir also nur mein Boot zu zweit nach unten und gehen wieder hoch -- ich mit Fotoapparat und meinem fünfzehn Meter langen Seil bewaffnet. An der nach meiner Einschätzung spektakulärsten Stelle postiere ich mich mit der Kamera in der Hand. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis Richard sich zurechtgetüddelt hat und in meinem Blickfeld erscheint.

Abbildung 4.24: Richard erste Solotour
Durch den ersten Absatz fluppt er problemlos hindurch -- ich bin total aufgeregt und drücke ihm alle Daumen. Dann formt sich das Wasser zu einer Walze, in die Richard auch hineinsticht, in der er aber auf Grund der Tatsache, dass er seine Fahrt nicht von sich aus beschleunigt, kurz steckenbleibt. Wenn er jetzt quertreibt und in dieser Rückwärtsströmung gefangen gehalten wird? Auf einmal habe ich totale Angst um ihn. Voller Verzweiflung rufe ich ihm ``Power!'' zu, als er sich schon von selbst aus der Walze befreit.
Kurz bevor Richard in die vorgesehene Schnelle einfährt, erinnere ich mich noch daran, dass ich ein Foto machen wollte. ``Wusch'' taucht er ein und ``Schrump'' sitzt er auf einem Stein. Sein Boot wird herumgedreht und mein Herz schlägt bis zum Hals! Ich schmeiße den Fotoapparat ans Ufer ins Gras und bin gerade davor, mich zu ihm vorzuarbeiten, da rutscht er auf seinem Stein in eine recht stabile Position. ``Du kannst ruhig rückwärts fahren -- hinter dir ist alles frei!'', rufe ich ihm durch das Tosen des Wassers zu. Er schafft es, sich zu befreien und das Boot wieder in die richtige Richtung zu dirigieren. Ich sammle den Fotoapparat ein und stolpere ihm nach. Den Rest der Strecke meistert er souverän ohne Probleme.

Abbildung: Die erste anspruchsvollere Passage heil überstanden
Als wir uns unten treffen, ist Richard völlig entspannt und ich völlig fertig! ``Mich kann nichts mehr schocken!'', sind seine Worte und er bietet mir an, sein Boot zu nutzen, um selber zu erleben, wie toll das ist. Ich lehne dankend ab.
Wieder geht es eine seeförmige Erweiterung des Flusses weiter, die aber bald an einer richtigen Schlucht endet. Hier wird das gesamte Wasser, das vorher in mehreren breiten Ästen strömt, auf eine einzige, vielleicht dreißig Meter breite Schneise zusammengezwängt. Wir bringen unser Gepäck zum anschließenden See. Für Richard besteht kein Zweifel: er wird diese Schlucht durchfahren! Zu zweit ist mein Boot schnell hinuntergeschafft. Mit meinen zwei Ausrüstungsgegenständen das Wildwasserpaddelbegleiters -- Fotoapparat und Leine -- klettere ich in die Schlucht hinein, dorthin wo es am tosendsten braust.

Abbildung 4.26: Blick auf die enge Schlucht
Ich kann die gesamte Strecke einsehen bis dorthin, wo Richard in die Schnellen einfährt. Bald dümpelt er heran, nimmt langsam Fahrt auf, tanzt schließlich pfeilschnell durch die schäumenden Wellen. Das Wasser schwallt ihm bis zum Hals hoch, aber hier habe ich nicht die geringste Angst um ihn -- nirgends ragt ein frecher Stein aus dem Wasser, der dem Vergnügen ein jähes Ende bereiten könnte und nirgends macht der Strom eine schnelle Wendung, in der die ganze Freude an der harten Felswand hängen bleiben könnte. Es ist einfach nur viel Wasser auf wenig Raum mit gnädigem Gefälle.

Abbildung 4.27: Einfahrt in die Schlucht
Ich mache ein paar schöne Fotos. Es schließt sich ein längeres see-ähnliches Stück an, so dass wir eine Weile durchgehend paddeln können. Eigentlich bewegen wir uns nicht gerade schnell, denn ab und zu machen wir einfach Pause, dann ist das Ein- beziehungsweise Ausladen und Umpacken immer eine äußerst zeitraubende Geschichte und schließlich gehen wir Umtragestrecken mindestens dreimal: Runter mit Gepäck, rauf ohne, runter mit den Booten. Dort, wo Richard alleine paddelt, sogar fünfmal, denn wir bringen dann nur mein Boot runter, gehen wieder hoch und Richard rutscht auf dem Wasserwege runter -- ich stolpere auf dem Landwege hinterher. Und selbst wenn wir eine Stelle nicht umtragen müssen, haben wir vorher angehalten, sind aus den Booten gestiegen und haben sie in Augenschein genommen und für unbedenklich erklärt.

Abbildung 4.28: Richard im Schaum
Trotz dieser überaus langsamen Fortbewegungsweise haben wir das norwegische Pärchen seit unserem Aufbruch heute morgen noch nicht zu Gesicht bekommen. Ich stelle die Behauptung auf, die seien umgekehrt angesichts der Aussichtslosigkeit, die Strecke nur mit einem Paddel zurückzulegen. Sonst hätten sie uns schon begegnet sein müssen, denn sie verfolgen eine viel direktere Technik: Wenn sich eine Stelle als nicht befahrbar herausstellt, steigen sie aus, nehmen die Rucksäcke aus dem Boot, schnallen sie sich auf den Rücken, einer packt das Boot vorn der andere hinten -- und schon setzen sie sich mit all ihrer Habe in Bewegung. Nicht drei- bis fünfmal für eine Strecke -- einmal reicht ihnen!

Abbildung: Wenn man hindurch ist, fühlt man große Freude
Wenn wir wie jetzt mit allem Gepäck über ebenes Wasser paddeln, kommen wir auch sehr gut voran. Den schmalen Schlauch zwischen dem oberen und dem unteren Zwillingssee können wir ebenfalls problemlos befahren. Zum unteren der beiden Seen führt ein nur ca. fünfhundert Meter langes Gefällstück, für das wir wieder unser Gepäck aus dem Booten hinauskomplimentieren. Danach brauchen wir nur noch über den See an sein anderes Ende zu paddeln und hätten unser Tagesziel ohne große Probleme und mit viel Spaß erreicht.

Abbildung 4.30: Ein Paddler irgendwo im norwegischen Hochland
Richard möchte wieder im Boot den unteren See erreichen, also haben wir hier wieder eine Fünffach-Teilstrecke vor uns. Während unseres häufigen Hin und Hers nehmen wir wieder alle Schwierigkeiten fachkundig unter die Lupe und schnell ist auch hier die Knackstelle ausgemacht. Ich lasse diesmal den Fotoapparat unten, denn ich habe schon eine ganze Reihe Fotos Marke ``Richard im Schaum'' und außerdem ist es mittlerweile völlig bewölkt. Als ich mich am vorher auskundschafteten Knackpunkt postiere, sind plötzlich unsere beiden norwegischen Freunde in der Ferne zu sehen, wie sie sich mit ihrer Einfach-Methode durch die Landschaft arbeiten. Als Richard in sein Boot steigt, erkennt man, dass sie innehalten und sich die Vorführung ansehen wollen. Allem Anschein nach hat er sogar ein Fernglas dabei.
Mit der Abgebrühtheit eines Profis nimmt Richard die ersten paar Rippeln. Ich blicke immer wieder auf die kritische Stelle, wo das Wasser auf zwei vielleicht vier Meter auseinander liegende Steine schwallt und dann zwischen ihnen hindurchrauscht. Richard fährt betont langsam heran. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, mitten hindurchzuschießen aber auf Grund der langsamen Fahrt und weil Steine, die knapp unterhalb einer schnell stömenden Wasseroberfläche liegen, eine wahnsinnige Gravitationskraft haben, wird er auf den in Fahrtrichtung rechten gespült. Dadurch dreht sich sein Boot natürlich quer zur Fließrichtung und rutscht in dieser Stellung in die nachfolgende Walze. Dort bleibt es erst hängen, neigt sich dann zur Seite -- und kippt um!
Richard hängt kopfüber vollständig unter Wasser, ich bin einen Moment in Sorge, ob er sich befreien kann, sehe ihn dann aber die Spritzdecke öffnen und aus dem Boot steigen. Das Paddel schwimmt währenddessen weiter. Ich bereite mich wiedermal darauf vor, nasse Füße zu bekommen, aber gnädigerweise bleibt das Paddel an einer flachen Felsplatte hängen. Da Richard in den strömenden eiskalten Wassermassen genug mit sich selbst zu tun hat, macht sich auch das Boot stromab auf den Weg. Also doch nasse Füße? Wie als hätte der Gott des Wildwassers ein Einsehen, platziert er das Boot genau neben das Paddel auf dem flachen Stein.
Richard schafft sich auch dorthin und fängt an, ein paar Sachen zu mir ans Ufer zu schmeißen. Dann kommt endlich mein Seil zum Einsatz, das ich ihm zuwerfe und er mit seine eiskalten Fingern ans Boot knotet. Nachdem ich dieses ans Ufer gezogen habe, werfe ich Richard das Seil erneut zu, denn bei einem Versuch, alleine ans Ufer zu gelangen, ist er in der starken Strömung auf den glatten Steinen nur wieder ausgerutscht. Mit dem Seil als Hilfe geht es aber.
Ich erkundige mich nach seinem Befinden: ``Alles klar, alles klar -- is' nicht kalt!'' Trotzdem schenkt er sich den Rest der Strecke und wir tragen sein Boot zu zweit runter bis zum See. Außerdem schenken wir uns auch noch den Rest des Zwillingssee, den wir gegen einen ziemlich grimmigen Wind anpaddeln müssten. Ich suche nach einem geeigneten Zeltplatz, während Richard mit nacktem Hintern in eben jenem Wind stehend nach halbwegs trockenen Klamotten kramt.
Wir haben unser Zelt gerade aufgebaut, als das norwegische Pärchen mit seinem Falt-Ally aus dem Gebüsch auftaucht. Sie hätten sich die Vorstellung aus der Ferne angesehen und sich dann entschlossen, diese Stelle zu umtragen. Voller Stolz präsentieren sie uns ihr selbstgebasteltes Paddel. Wir sind baff angesichts derart perfekter Ingenieurleistung und vor allem solchem Ideenreichtum: da kein Stock in Form einer Astgabel zur Verfügung stand, haben sie sich aus zweien eine Gabel gebaut, dazwischen eine Plastiktüte gespannt und das ganze mit Klebeband fixiert. Genial einfach und doch wirkungsvoll.
Wir reden noch eine ganze Weile über Fische und Kentern und wie wir überhaupt auf die Idee gekommen sind, diese Strecke zu paddeln. Leider steht Richard die ganze Zeit über mit nassen Klamotten im eisigen Wind, so dass er nachher ziemlich kalt ist. Nachdem wir das Zelt fertig aufgebaut haben, verschwindet er gleich im Schlafsack. Ich hänge noch seine klitschnasse Wäsche in die umliegenden Büsche und koche zum Abendbrot Pfanni Kartoffelpüree mit Weinsauerkraut und acht Würstchen. Danach ist Richard wieder einigermaßen warm.
Da der bisher schon vorhandene Nieselregen sich in einen richtigen Guss steigert, hole ich die Sachen wieder von den Büschen, wo sie leider nicht den Pfurz getrocknet sind. Während ich noch Tagebuch schreibe, wächst sich der Wind zum kleinen Sturm aus, so dass die Wellen auf dem See eine richtige Brandung hervorbringen. Die ganze Nacht über schüttet es wie aus Kübeln.