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Sonntag, den 02. August 1998

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Abbildung 4.1: Ist auch alles drin?

Marias Geburtstag. Sonnenschein fällt auf unser Zelt. Heute gibt es die andere Sorte Müsli -- die mit den kleingeschredderten Inkas oder so, 1,5 Kilogramm für zwanzig Mark mit Ziegenmilchpulver, die halbvolle 200 Gramm Dose für neunzehn Mark -- man gönnt sich ja sonst nichts. Ich muss zum ersten Mal mein Boot auf norwegischem Boden aufbauen. Dieses Mal spielen wir das Spielchen: wie bekomme ich all die Sachen, die schon nicht in den Rucksack gepasst haben, in das Boot? Als einzig schwierige Randbedingung stellt sich hierbei die Tatsache heraus, dass man selbst zum Schluss auch noch hineinpassen soll.

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Abbildung 4.2: Es kann losgehen!

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Abbildung: Einsteigen - auch hier sind Gummistiefel mächtig hilfreich

Als wir bei strahlendem Sonnenschein in den See stechen, sind wir allerbester Stimmung. Doch die schlägt sehr bald um angesichts des mal bis zum Grund kristallklaren mal tintentürkisblauen Wassers, der spiegelglatten Oberfläche des Sees und des phantastischen Panoramas in selige Euphorie. Wir sind wie betrunken von der unglaublichen Prägnanz der Spiegelbilder. Nein -- eigentlich ist es kein Spiegelbild des Berges im Wasser -- es ist selbst ein Berg -- anders kann man diese Originalgetreue nicht interpretieren. Vom Ufer aus beobachtet uns eine Familie -- Vater mit Fernglas und Mutter mit bloßem Auge und bloßem Körper, den sie der sengenden Sonne darbietet.

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Abbildung 4.4: Spiegelglatt liegt der See

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Abbildung 4.5: Ein kaum fassbarer Anblick

Die Insel im Eissee umfahren wir rechts -- diese Seite habe ich noch nicht gesehen und auch noch nicht viele andere, denn der Wanderweg führt am anderen Ufer entlang. Nach einer guten Stunde erreichen wir das nördliche Ende des Eissee -- mit beiden Booten und allem unserem Gepäck. Und das alles ohne den Pfurz einer Anstrengung.

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Abbildung: Das Boot fährt sehr angenehm

Das erneute Umpacken der Sachen vom Boot gestaltet sich wieder als längliches Puzzlespiel mit abschließender Kompressionsphase. Vorher hatten wir noch den Auslauf des Sees erkundet bis zu einer etwa zwei Meter hohen Stufe, die weit jenseits all unseres Wildwasserkönnens und -wollens liegt. Ich bin noch ein Stückchen weiter gegangen und sehe in der Ferne jemanden in meine Richtung kommen. Irgendwann bleibt dieser jemand stehen und hebt -- wenn mich meine Augen auf die weite Entfernung nicht trügen -- ein Boot aus dem Kraut!

Wir schultern unsere Rucksäcke und stratzen zum nächsten See. Dort löst sich das Geheimnis mit dem Boot sehr schnell auf: Es ist das Pärchen von gestern mit ihrem jetzt aufgebautem Ally-Falt-Kanadier. Ich frage sie kurz, wo sie denn hin wollen: ``Den Fluss runter!'' ``Bis Downtown?'' ``Ja.'' Da gibt es also zwei Verrückte auf der Welt, die auf genau diegleiche Idee kommen wie wir und diese auch noch zur gleichen Zeit in die Tat umsetzen! Schon komisch.

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Abbildung: Wo fängt das Land an?

Sie hätten ein Paddel in den Stromschnellen verloren, erzählt er. Wir versprechen, es mitzubringen, wenn wir es finden sollten. Die beiden machen noch eine Ehrenrunde über den See, während wir unsere Pause machen, werden aber nicht pfündig. Schließlich trabt sie nochmals den Fluss hinauf, um dort nach dem Paddel Ausschau zu halten.

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Abbildung 4.8: Blick auf die Seite mit dem Wanderweg (Osten)

Wir gehen ihr bald nach, um einen intimen Blick auf die Schnellen unterhalb der Stufe zu werfen, ob wir sie eventuell paddeln können. Es sieht alles ganz zivil aus, so dass wir überzeugt sind, dass die beiden Kanuten hierin nicht gekentert sein können. Kurz vor der Stufe kommt uns die Frau entgegen -- ohne Paddel. Auf die Frage, wo sie es denn verloren hätte, entgegnet sie: ``In the streams.'' ``Und wann?'' ``Just a couple of hours ago.'' Wir sind uns sicher, dass sie die Stufe gemeint haben muss. Bei dieser angekommen blicken wir fassungslos darauf: Da sind die mit ihrem Boot runter? Wir beschließen, dass sie es unmöglich vorsätzlich getan haben können.

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Abbildung: Hinter der Insel - hier liegt noch ein bisschen Schnee, aber kein Vergleich zu den Verhältnissen drei Jahre zuvor

Richard schnallt sein Boot wieder auf seinen Rucksack und ich versuche es nach der afrikanischen Wasserhol-Methode zu tragen: auf dem Kopf. Diese Methode mag für Wasserkübel funktionieren, für Faltboote ist sie ziemlich mies: Man sieht nicht die Bohne, wohin man eigentlich läuft, das Klima unter einer schwarzen Gummihaut, auf die die Sonne knallt, ist alles andere als erfrischend und außerdem bin ich kein Afrikaner, der mal eben dreißig Kilogramm auf dem Kopf durch die Lande trägt, ohne zu murren. Hinter der Stufe setzen wir unsere Boote ins Wasser.

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Abbildung 4.10: Das Ende des Eissee

Wir haben ein irgendwie unbestimmtes Gefühl, denn wir wissen nicht, was diese Stromschnellen bedeuten. Aber sie sehen alle leidlich zivil aus und schließlich muntere ich Richard auf: ``Immer daran denken: wir haben Wildwassererfahrung!''. Schließlich sind wir damals vor fünf Jahren schon mal etwa zwanzig Meter durch turbulentes Wasser gefahren!

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Abbildung 4.11: Auf der Suche nach dem verlorenen Paddel

Ich darf voran fahren und suche den Pfad des meisten Wassers. Es geht immer zügiger voran: Schrump, schrump, schrock -- stak, stak und huii -- ab geht die wilde Fahrt! Es ist ein noch junger Fluss mit zahmen Wassermassen -- genau richtig für unsere heranreifenden Wildwasserkentnisse. Zwar setzen wir noch recht häufig auf und auch richtig fest, aber es ist nie die Gefahr dabei, dass der Fluss über den Süllrand ins Boot kommt. Wo es gar zu flach ist, steigen wir aus und schieben das Boot einfach ein Stückchen. Aber durch die zackigen, tänzelnden Wellen zu pflügen, macht einen Heidenspaß! Im unteren Eissee angekommen, machen wir erstmal unserer Begeisterung Luft: Bitte mehr davon!

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Abbildung 4.12: Wunderbare Bergwelt

Bevor wir abermals unser Gepäck einladen, machen wir eine Pause, in der wir uns für die bestandenen Abenteuer einen Tee gönnen. Das Einladen der Sachen aus dem Rucksack ins Boot und umgekehrt, ist sehr zeitaufwendig. Insbesondere bei mir, weil ich keine Packbeutel dabeihabe und so alles mehr oder weniger einzeln umbetten muss. Schließlich ist es doch geschafft und wir dümpeln über den unteren Teil des Eissee. An dessen Ende spannt sich eine recht abenteuerliche Brückenkonstruktion von einem Ufer zum anderen und deutet so auf eine enge Stelle hin, was wiederum zwangsläufig Stromschnellen bedeutet. Hier treffen wir auch wieder auf das norwegische Pärchen, das auch in diesem See wieder eine Ehrenrunde vollführt -- immer auf der Suche nach einem passenden Paddel. Währenddessen wandert unser Gepäck wieder aus den Booten in die Rucksäcke und wir mit ihnen die Stromschnellen hinunter bis zum Goldsee.

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Abbildung: Nachdem die ersten Schnellen überstanden sind

Auf dem Weg nach oben nehmen wir sorgsam den Lauf des Wassers in Augenschein, um die Ideallinie für unsere kommende Abfahrt auszuarbeiten. Entweder war unsere Ausarbeitung nicht besonders gelungen, oder der Wasserlauf ließ einfach nichts besseres zu -- auf jeden Fall ist die Abfahrt nicht halb so erquicklich wie die vorherige. Während wir beim ersten Mal noch überwiegend gefahren sind und nur hin und wieder festhingen, so sitzen wir hier fast ständig auf irgendwelchen Steinen fest und quälen uns arg, wieder von ihnen loszukommen. Einmal schrumpt es dermaßen unter meinem Boot, dass ich schon fürchte, jetzt hat es endgültig einen Riss davongetragen -- aber da es sich nicht erkennbar mit Wasser füllt, beruhige ich mich wieder.

Während wir uns so Zentimeter für Zentimeter talwärts kämpfen, tragen die Norweger ihr Boot ganz cool am Ufer entlang nach unten und sind so ungefähr eine Viertelstunde eher am See als wir. Aber irgendwann haben wir es auch geschafft und unser Gepäck wieder in die Boote verfrachtet. Ruhig und gemütlich paddeln wir durch die frühe Abendsonne über den Goldsee. Eine leichte angenehme Brise unterstützt uns dabei schiebenderweise.

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Abbildung: Hier führt der Fluss noch sehr wenig Wasser

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Abbildung: Immer wieder: Gepäck nachholen

Der Anblick der Landschaft ist atemberaubend: Alles ist in goldenes Sonnenlicht geflutet und erstrahlt in kräftigen, warmen Farben. Im Südosten ziehen dunkle Regenwolken auf, der Wind kommt von Südwesten und die Sonne von Nordwest. nach einer kleinen Stunde landen wir am Nordufer des Goldsee, wo er sich durch eine flache Ebene entleert. Direkt gegenüber hat das norwegische Pärchen gerade begonnen, sein Zelt aufzubauen.

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Abbildung 4.16: Abendstimmung am Auslauf des Goldsee

Der Wind hat stark aufgefrischt, so dass wir unsere liebe Not haben, das Zelt aufzubauen -- und außerdem setzt Regen ein. Der hätte gerne noch ein Viertelstündchen warten können! Als wir alles ins Zelt bugsiert haben, legen Wind und Regen richtig los. Wir haben beim Zeltaufbauen den Fehler gemacht, es nicht mit einer Apsis in Richtung Wind zeigen zu lassen, sondern mit seiner Querseite. Jetzt drückt der Wind das Außenzelt gegen das Innenzelt und wir müssen einige Verrenkungen machen, dies zu unterbinden.

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Abbildung: Zeltaufbau bei Wind dauert etwas länger

Während wir unser Abendessen kochen, können wir wieder ein für Norwegen typisches Schauspiel beobachten: Es schüttet aus Leibeskräften -- und gleichzeitig herrscht strahlender Sonnenschein, denn dort, wo die tiefstehende Sonne jetzt steht, herrscht immer noch blauer Himmel! Währenddessen angeln die beiden Norweger unverdrossen am anderen Ufer. Alle halbe Stunde schaue ich aus dem Zelt: die Sonne wandert, Wind und Regen wechseln sich ab -- die Norweger angeln. Bei einem meiner letzten Blicke erlebe ich mit, wie er eine mächtige Forelle an Land zieht (1,5 Kilogramm wie er uns später erzählen wird). Als echter Angler ist sein erster Griff natürlich, das Ding an eine Federwaage zu hängen!

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Abbildung 4.18: Sonnenschein bei Regen

Nachdem ich mich durch meinen kompletten Rucksack gefräst habe, um zwei weitere Kakaotüten zu ergattern, brauen wir uns noch einen Schlaftrunk und legen uns jeder in seine Ecke.


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Mathias-H. Weber