Um Punkt sieben schlägt meine Multifunktionsuhr Alarm -- vergraben
unter Schlafsack, Anorak und Patagoniajacke und natürlich ungehört. Um
7
Uhr blinzele ich auf ihre digitale Anzeige und mühe mich, die
Ziffern im Geiste in eine analoge Darstellung zu bringen. Dann endlich
weiß ich, dass wir spät dran sind. In einem mehr beiläufig
dahingesagten Nebensatz hatte Richard gestern noch klargestellt, wer
von uns derjenige sein wird, der die Fähre betritt: ``Wenn du dann
beim Wagen bist, kannst du ja das Ruder für mein Boot
mitbringen!''.
Ich packe meinen Schlafsack, die Kartentasche mit dem Tagebuch und den Busfahrplänen sowie mein Regenzeug zusammen. Für mehr bleibt auch keine Zeit, denn es ist fünf Minuten vor halb acht und ich hege den Verdacht, dass die Fähre ein Stück die Straße hoch anlegt und garnicht in Sichtweite. Beim Zähneputzen hatte ich gemerkt, dass auffallend viele Leute zur gleichen Zeit die Straße in die gleiche Richtung gingen. Also hetzen wir los.
Über die nächste Kuppe - dahinter nur Weg bis zur nächsten Kurve -- dahinter nur Weg bis zur nächsten Kuppe -- dahinter nur Weg ... es wird bedrohlich spät und so fangen wir an zu laufen. Die Fähre liegt bereits auslaufbereit da und wäre womöglich auch schon ausgelaufen, wäre da so ein Wildnis-Kommissar nicht noch damit beschäftigt, die Mitreisenden nach allerlei Dingen zu interviewen, um eine Statistik über die Aktivitäten in der Weitmark zu erhalten.
Als letzter der neun Fahrgäste springe ich auf und kurz darauf legt das Boot ab. Mit der mir schon bekannten gemütlichen Geschwindigkeit tuckern wir über den See. Die Hülle dieses Gefährts ist eine hydrodynamische Katastrophe. Obwohl es sich kaum von der Stelle bewegt, schlägt seine Bugwelle fast auf Deck und die Heckwelle alle Rekorde: jedes Boot, das sie kreuzt, wird durch sie zum Bocken gebracht, wie ein junges Pferd beim Einreiten.
Irgendwann kommt der Schaffner, um die 125 NKR Fahrpreis zu kassieren. Später kommt er noch einmal, um Kaffee, Cola, Limonade und Kekse zu verkaufen. Die Fahrt dauert zweieinviertel Stunden und endet an einem großen Parkplatz in Seeshaupt. Meine norwegischen Freunde gehören nicht zum Empfangskommitee, das sich hier eingefunden hat.
Ich bin mir nicht sicher, welche Uhrzeit sie genannt hatten, mir klingt etwas von halb zwölf oder ``half past twelve'' im Ohr. Jetzt haben wir viertel vor elf, also bin ich noch nicht beunruhigt. Ich studiere den Busfahrplan: um zehn vor eins ginge mein Bus, den würde ich auf jeden Fall nehmen.
Erst einmal setze ich mich auf die Treppe des Landhandels und schreibe Tagebuch. Nach einer halben Stunde treffen unser Freunde ein, mit Mutter und deren kleinem Auto, einem Golf. Sie entschuldigen sich heftigst für die Verspätung, aber sie hatten den Wagenschlüssel für ihr eigenes Auto bei der Mutter liegengelassen und es erst unterwegs gemerkt. Meine erste Frage ist, wielange denn die Fahrt schätzungsweise dauern wird. ``Ungefähr drei Stunden.''. Dann könnte es klappen, dass ich noch die letzte Fähre heute abend zurück nach Downtown erwischen könnte.
Die Fahrt selbst ist nicht sehr spannend aber sehr unterhaltsam. Ich erfahre viel über Norwegen und unsere beiden neuen Freunde. Es sind zwei außergewöhnlich liebenswerte Menschen. Nach einer guten Stunde erreichen wir bereits Unterstedt. Von hier aus sind es noch 55 Kilometer bis Tiefenbach, also nicht mal eine Stunde bis zu unserem Auto. Ich werde die Fähre also auf jeden Fall noch erreichen. Um genau dreizehn Uhr erreichen wir den Damm des Schafstalsee und ein roter VW Passat lächelt uns an. Wir verabschieden uns in bester Freundschaft und geloben, voneinander hören zu lassen.
Der Passat ziert sich ein wenig, bevor er anspringt, fährt mich dann aber anstandslos nach Tiefenbach. Mein erster Gang ist zum Telefon. Als ich das letzte Mal aus dieser Richtung kam, war Birke gerade unterwegs. Jetzt nimmt sie bereits den Hörer ab und sagt artig ``Birke Weber''. Ich werde zu Hause sehr vermisst, das macht mir das Herz schwer, aber es dauert ja nicht mehr lange, dann bin ich zurück.
Die Rückfahrt ist auch nicht aufregend und alles andere als unterhaltsam. In Unterstedt halte ich wie vor fünf Jahren an, um Souveniers für zu Hause zu kaufen. Es ist alles ziemlich kitschig hier, dafür aber maßlos überteuert. Ich finde schließlich etwas und erstehe im benachbarten Lebensmittelladen einen Liter Joghurt, ein paar Waffeln und zwei Snikkers. Irgendwo mache ich Pause, wo ich mir einige der Waffeln genehmige und den Rest des Apfelsaftes, den wir noch von der Hinfahrt im Auto hatten, vernichte.
Bereits um viertel vor vier erreiche ich wieder den Seeshaupt Fähranleger. Da das Parken hier zwanzig Kronen pro Tag kostet, parke ich den Wagen etwa einen Kilometer weit entfernt in einer Schuttkuhle. Nachdem ich zum Anleger zurückgewandert bin, setze ich mich wieder unter das Vordach des Landhandels, um vor dem einsetzenden Regen Schutz zu finden und vervollständige wieder mein Tagebuch.
Um 17 Uhr tauchen noch einmal die Norweger auf: ich hatte meinen Hut in ihrem Wagen vergessen. Um kurz vor sechs kommt die Fähre mit mehr als zwanzig Passagieren an Bord. In meine Richtung fahren dann wieder nur neun Leute mit. Durch das stundenlange Warten ist mir in der Zwischenzeit etwas kalt geworden und leider ist diese Fähre nicht nur ungeheizt, sondern es zieht auf ihr auch wie Hechtsuppe. So bin ich nach einiger Zeit derart durchgefroren, dass mir jegliches Verständnis für einen jungen Burschen fehlt, der die ganze Fahrt über in kurzer Hose und Hemd überlebt.
Da die Fähre dreimal an irgendwelchen Hütten anlegen musste, um Fahrgäste aussteigen zu lassen, legen wir erst um halb neun in Downtown an. Da der stramme Fußmarsch zu unserem Zelt nicht ausgereicht hat, mich vollständig aufzuwärmen, gehen wir noch mit dem Schachspiel bewaffnet in die Touristhütte. Hier genehmigen wir uns einen heißen Tee und brüten bis kurz vor Mitternacht über einer Partie Schach. Es war ein sehr schönes Spiel.