Unser Zeltplatz in der Waldnische ist wirklich sehr schön. Um halb neun lockt uns die Sonne aus den Schlafsäcken. Heute ist reines Paddeln angesagt und um kurz vor halb elf haben wir unsere Siebensachen in den Booten verstaut und legen ab. Ein angenehm leichter Rückenwind unterstützt unsere Bemühungen voranzukommen. Hoch am Himmel sind zwar viele Wolken, aber die sehen freundlich aus und zwischen ihnen ist mindestens ebensoviel Blau, wie sie weiß ausmachen.
Irgendwann begegnet uns die Fähre auf ihrem Weg nach Downtown -- vollgestopft mit Passagieren. Das sind mal wieder gute tausend Mark für den Eigner. Die Bugwelle bietet einige Abwechslung für uns auf dem ansonsten ziemlich glatten See. Die erste Welle hebt das Boot vorne an, dann plumpst die Spitze hinter ihr ins Wellental und während das Heck noch angehoben wird, bohrt sich der Bug tief in die nächste Welle. Das Wasser überspült das gesamte Vorschiff, flutet die Spritzdecke und kommt erst kurz vor Ende des Spritzdeckenkamins zum Stehen.
Den Ausgang des schlauchartigen See-Endes erreichen wir zeitig am frühen Nachmittag. Wir kommen kurz zu einer kleinen Lagebesprechung zusammen und lassen uns dabei vom Wind treiben. Noch während wir so treiben, schläft der Wind völlig ein, um kurz darauf aus um neunzig Grad geänderter Richtung wieder einzusetzen. Nur bläst er jetzt erheblich lustloser als vorher. Es hat ein radikaler Wetterwechsel stattgefunden: der halbe Himmel ist noch voller Wolken, die auf dem Rückzug sind, die andere Hälfte ist vollkommen blau.
Wir steuern eine Mini-Insel an, auf der wir erstmal etwas essen. Weil wir so gut vorangekommen sind und die Sonne so erbarmungslos brennt, legen wir uns dann zu einem Mittagsschläfchen nieder. Ich habe den ganzen Tag meinen Hut nicht abgesetzt und ihn tief in mein Gesicht gezogen, um Schutz vor der Sonne zu finden. Richard fährt trotz der Wärme im Anorak und hat ständig die Kapuze auf. Nach dem Mittagsschlaf setzen wir eine Partie Schach an. Ich versuche mal eine andere Eröffnung und es entwickelt sich ein sehr anderes, sehr interessantes Spiel.

Abbildung 6.1: Miniinsel im Sonnenschein
Gegen fünf Uhr brechen wir auf. Wir wollen die Insel Marderoog anlaufen -- aber als wir auf den See hinauskommen und uns die Landschaft ringsum ansehen, können wir uns nicht einigen, was denn nun die von uns gesuchte Insel ist. Ich peile den von mir als Insel identifizierten Hügel rechts an, Richard will noch ein Stück den See hinunter fahren, bis die Insel hinter dem Hügel auftaucht.
Irgendwann sind wir soweit voneinander entfernt, dass wir einander kaum noch sehen können. Ich ändere meinen Kurs und fahre zu Richard. Wir einigen uns jetzt, dass der Hügel die Insel sei und fahren wieder ein Stück zurück. Wir bemerken am Ufer eine Elchkuh, Richard sieht sogar ein Kalb, und gehen kurz an Land. Aber Kuh und Kalb sind wie vom Erdboden verschluckt.
Hinter der nächsten Ecke finden wir in einer ruhigen Bucht einen wunderschön gepolsterten Zeltplatz. Weil hier allerdings die Mücken besonders zahlreich und zielstrebig sind, ziehen wir uns ohne Umschweife ins Zelt zurück. Wir probieren heute die beiden Globetrotter-Trockenfutter-Pakete aus -- Kartoffeleintopf und Beef Stroganoff. Die sind sehr einfach und schnell zubereitet und schmecken garnicht schlecht. Heute sind wir bereits um zehn Uhr in den Schlafsäcken verschwunden.