Etwa um Mitternacht spuckt uns das Fährschiff auf norwegischen
Boden. Der Weg ins Grüntal ist leicht ausgemacht: nach Boomtown müssen
wir zunächst. Norwegen bei Nacht ist nicht besonders aufregend. Allein
mit den sich in den Seen spiegelnden Lichtern mancher Häuser als Halt
kann man sich die Schönheit der Landschaft ins Schwarz der Nacht
malen. Wir müssen tanken und wollen selbiges in Boomtown versuchen, dort
kenne ich doch eine große Tankstelle. Dort angekommen stellen wir
fest, dass sie zwar länger als alle anderen geöffnet ist, aber leider
auch schon um 23
Uhr schließt. Etliche Versuche mit Richards
EC-Karte und meiner Kreditkarte den Automaten zum Rausrücken einiger
Tropfen Benzins zu überreden, schlagen fehl. Wir fahren noch ein paar
Kilometer bis wir uns seitlich in die Büsche schlagen, das Zelt im
Licht der Autoscheinwerfer errichten und uns in die Schlafsäcke
verkriechen. Es ist mittlerweile zwei Uhr nachts.

Abbildung 2.1: Erster Morgen auf norwegischem Boden
Kurz nach acht Uhr morgens erwachen wir wieder zum Leben. Wir haben unser Zelt direkt neben einer ergiebigen Blaubeerwiese aufgeschlagen. Sie haben einen sehr positiven Effekt auf den Geschmack unseres Müslis. Bald nach dem Frühstück sind wir wieder auf der Straße und können jetzt die Schönheit der Natur bei Tageslicht genießen. Bei einer der nächsten Tankstellen erstehen wir ca. fünfzig Liter Benzin -- für mehr als hundert Mark!
Die Fahrt verläuft glatt und entspannt -- irgendwann meint ein junger Elch, unsere Fahrbahn kreuzen zu müssen. Gerne reduzieren wir dafür unsere Geschwindigkeit. Auf dem steilen Stück hinunter nach Unterstedt probiere ich meinen Höhenmesser aus. Er funktioniert ganz gut. Als wir über die Hochebene bei Oberstedt fahren, sehen wir sehr schnell, dass der Winter hier oben wohl nicht gar so kalt gewesen sein kann: es liegt kaum Schnee hier und alle Seen sind restlos eisfrei. Ein gutes Zeichen für unser Vorhaben.
Während der Fahrt aus dem Fjell hinunter sind wir derart ins Gespräch vertieft, dass wir die Abfahrt ins Schafstal verpennen und uns plötzlich in Tiefenbach wiederfinden. Die Telefonzelle hier hat die Zeichen der Zeit auch längst erkannt und reagiert nur noch auf Karten und nicht mehr auf Münzen. Im benachbarten Lebensmittelladen erstehen wir eine für zweiundzwanzig norwegische Kronen und stehen uns die Beine in den Bauch bis die inzwischen das Telefon besetzt haltende Dame alle ihre Neuigkeiten dem anderen Ende mitgeteilt hat. Jeder ruft kurz bei seinen Lieben an und wir stellen fest, dass Auslandsgespräche in Norwegen verdammt günstig sind.
Schnell sind wir den Berg wieder hochgefahren und biegen ins Schafstal ab. Die elende Schotterstrasse bis ans Ende und den alten hervorragenden Zeltplatz wiedergefunden. Leider waren meine Häringe, die ich vor fünf Jahren hier liegengelassen hatte, nicht mehr aufzufinden -- schade!
Wir machen uns bald nach dem Zeltaufbau an die jeweils zugedachte Aufgabe: Richard soll das Auto an den Anfang des Sees bringen, damit ich nicht später diese ganze lange Schotterstraße entlanglatschen muss, und ich werde derweil schon mal mein Boot den Hang hinauftragen. Richard bringt mich noch ein paar hundert Meter mit dem Wagen, bis eine Kette die Straße versperrt. Den anschließenden Schotterweg trotte ich sehr lustlos hoch, ohne einen rechten Rhythmus zu finden. Vor der Hütte, bei der wir uns damals zwei kurze Stücke der Wasserleitung geborgt hatten, bis hoch zur Kuppe brauche ich nur ca. eine halbe Stunde. Ich bringe meine Last, die arg an meinen Schultern zerrt, noch bis ans Ende der Wiese, die sich an den kleinen See anschließt, der hinter der Kuppe liegt. Dorthin, wo wir damals am Ende des ersten Tages völlig entnervt unser Lager aufgeschlagen hatten. Es hat ganze zwei Stunden bis hierher gedauert und -- obgleich der Anstieg mit dreißig Kilogramm Gepäck auf dem denkbar primitivsten Tragegestell kein Zuckerschlecken war und mich schwitzen ließ wie ein Schwein -- ich fühle mich durchaus noch ziemlich frisch.

Abbildung 2.4: Boot hoch - im Hintergrund der Schafstalsee
Für den Abstieg benötige ich ziemlich genau eine Stunde. Unten gehe ich gleich zum Strand, um auf Richard zu warten, denn ich hatte von oben immer auf den See geschaut und konnte Richard nie entdecken. Also musste der Arme noch unterwegs sein. Nach etwa einer halben Stunde Sitzen wird mir kühl und ich beschließe, ersteinmal zum Zelt zu gehen, um mir eine warme Jacke zu holen. Nach ein paar Metern entdecke ich etwas längliches Weißes im Gebüsch: Richards Boot! Er war schon lange wieder da gewesen und hatte sich im Zelt entspannt.