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Sonntag, 2. Tag

Die Tide meint es gut mit uns und hat ihr Hochwasser so gelegt, dass wir erst um zehn Uhr mit ihm die Insel verlassen müssen. Da lässt sich entspannt ausschlafen.

Als wir unsere Boote am Strand packen, bricht sich der blanke Neid über das schneidige Design meines Bootes Bahn. Es werden allerlei Theorien aufgestellt, warum meinem Nordkapp hinten ein Stück fehlt, aber niemand kommt auf die naheliegende Wahrheit: unser neues Auto ist ein Stück kürzer als das alte und da würde das Boot in Originallänge halt unzulässig weit überstehen.

Wir wollen erstmal straks nach Baltrum und dort eine Zwischenlandung machen. Werner führt uns zwischen Westerdings und Süderbums etwas weiter aufs offene Meer, um etwaigen Turbulenzen an den strandnahen Bänken zu entgehen. Ein kurzer Reality-Check zeigt, dass er uns ganz richtig in der Nähe eines Wracks wähnt -- nur leider am falschen. Es bedarf halt etwas der Gewöhnung, bis man die Sicht auf die Karte verlässlich mit der wirklichen Umgebung in Einklang bringen kann.

Ich paddle vorzugsweise schräg hinter Gunnar. Er ist Sport-Pädagoge, hat einen besonderen Schwerpunkt auf Kanufahren und paddelt einen bilderbuchsauberen Stil. Eine bessere Möglichkeit, meinen eigenen irgendwie an der Praxis gewachsenen aber nie geschulten Stil zu verbessern, hätte man mir gar nicht bieten können.

Je weiter wir von Land frei kommen, desto stärker macht sich eine nicht unerhebliche Dünung aus Nordwest bemerkbar, von der im See-Wetterbericht kein Sterbenswörtchen erwähnt war. Es geht auf und ab und ab und zu auch ab und auf. Nach Eckarts Einschätzung jeweils mehr als zwei Meter. Das ist hier draußen alles andere als ein Problem, könnte aber eines werden, wenn wir in flachere Gefilde müssen.

Als wir nach einer gewissen Weile zu einem Floß zusammenkommen, um eine Trinkpause einzulegen, behagt mir das gar nicht. Die Dünung nutzt diese Passivität, um mein vegetatives Nervensystem anzunagen. Später erzählt mir Gunnar, dass er hier auch erste Anzeichen von Seekrankheit verspürt hat. Als wir unser Päckchen auflösen, sind am Horizont in unserer Zielrichtung schon deutlich die weißen Zähne einer bissigen Brandung zu sehen.

``Das sieht nur so schlimm aus, ist aber harmlos!'', heißt es aus der Leitungsebene. `Dann muss es ja wirklich brenzlig seinī, denke ich mir und behalte diesen Gedanken für mich. Wir werden erstmal geimpft, wie sich ein richtiger Seekajaker in so einer Situation verhält. Erstens: Formation Gänsemarsch. Zweitens: Eckart fährt voran, Detlev macht Schlusslicht. Drittens: wen es reißt, den sammelt Detlev ein, alle anderen paddeln weiter. Klare Vorgaben.

$\textstyle \parbox{\linewidth}{
\color{Brown}
\vspace{4mm}
\noindent
\rule{...
...rtart!}
\end{center} \vspace{-2mm}
\rule{\linewidth}{1mm}
\vspace{-3mm}
}$

Aber irgendwie hat die Nordsee das nicht richtig mitbekommen, denn als wir schließlich in die Reichweite der Brandung geraten, hat diese nichts besseres zu tun, als ausgerechnet unseren Leithammel vom Sockel zu heben. Der planscht nun fröhlich im Schaum und mit ihm unser schöner Plan.

Wir sind einen Moment führer- und planlos, bis es sich bei allen herumgesprochen hat, dass Detlev zum Rückzug bläst. Wir sammeln uns erstmal weiter draußen und fahren etwas zurück, bis wir eine Stelle gefunden haben, wo die Brandung gnädiger zu sein scheint. Hier wollen wir einen Landungsversuch unternehmen und am Strand auf Eckart warten.

Ich melde mich freiwillig, als erster durch den Waschgang zu gehen und paddle frohen Mutes drauf los. Mit jeder Welle wird mein Heck höher angehoben und der Vorschub, den ich erhalte, wird gewaltiger. Irgendwann ist die mich überholende Welle dann so steil, dass sie über mir bricht. Der Schaum brodelt mir während des gesamten Ritts auf ihr bis über den Kopf und es steht ein gutes Weilchen auf der Kippe, ob die Welle es schafft, mich umzuwerfen oder meine Stütze richtig angesetzt war. Doch schließlich erreiche ich triefnass und ebenso stolz den Strand.

Hier haben sich etliche Zuschauer versammelt, die uns schon eine Weile beobachtet hatten und sich das Schauspiel aus der Nähe ansehen wollten. Was ihnen hier geboten wird, lässt eine Truppe von altgedienten Profipaddlern vermuten: zwar assistiere ich vom Strand aus, aber lediglich für die letzten Meter und den Moment des Ausstiegs aus dem Kajak. Die Brecher meistern alle souverän und alleine.

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\centering{Eckart im Schaum} \end{minipage} }%end fbox

Eckart trifft nur wenig später bei uns ein und bevor wir uns daran machen, einen neuen Plan zu schnitzen, machen wir erst einmal -- Brotzeit. Dabei muss unser einziger verbliebener Raucher feststellen, dass erstens leere Vitamintablettenröhrchen doch nicht so gut dicht halten, wie ihr Augenschein verspricht und zweitens, dass Salzwasser getränkte Zigaretten nicht der Bringer sind.

In Anbetracht der traumhaften Verhältnisse schieben wir zuerst mal eine Übungsstunde Brandungspaddeln ein. Das lässt sich natürlich niemand entgehen, und so befinde auch ich mich bald wieder im Boot. Irgendwo draußen erwischt mich ein Brecher so dumm und heftig, dass ich umgeschmissen werde. Normalerweise kann ich wegen des starken Auftriebs meiner Feststoffweste nicht unter meinem Boot hindurch rollen. Aber in diesen Brechern rotiert das Wasser derart stark, dass es mich einfach mitnimmt und netterweise auf die richtige Seite dreht. So kann ich ganz entspannt in Richtung der brechenden Kämme hoch rollen und der nächsten Welle mein Paddel zur Stütze in die Kehle schieben.

\fbox {\begin{minipage}{\linewidth}
\centering{\includegraphics[height=9cm]{ima...
...ch paddle meilenweit f\uml {u}r eine feuchte Camel''} \end{minipage} }%end fbox

Irgendwann werde ich in ziemlicher Strandnähe hinten so stark von einer Welle angehoben, dass sich mein Bug ins Wasser bohrt. Ich befinde mich eine ganze Weile senkrecht zur Wellenrichtung und entscheide mich dann, zu einer Seite zu kanten. Als hätte die Welle nur darauf gewartet, wirft sie in diesem Moment mein Heck genau andersherum und ich gehe baden. Kein Problem -- die Strömung wird mich ja wieder unter dem Boot hindurch drehen und dann kann ich locker hoch rollen. Also nur einen kleinen Moment ausharren.

Doch leider ist die Differenz zwischen dem strandwärts donnernden Wasser und dem seewärts abfließenden Unterzug derart stark, dass mein Paddel dem nicht gewachsen ist. Es ist keine Spannung zu spüren, kein Knarren, es wird dermaßen schnell und unromantisch in zwei Teile zerlegt, dass ich recht nachdenklich werde.

Auch Renate ist nachdenklich geworden, weil sie jedesmal, wenn sie von einem Brecher an den Strand gespült und umgekippt wurde, so von der Strömung im Boot nach hinten gedrückt wurde, dass sie die Spritzdecke nicht auf bekam und auf Gedeih und Ertrinken auf fremde Hilfe angewiesen war.

$\textstyle \parbox{\linewidth}{
\color{Brown}
\vspace{4mm}
\noindent
\rule{...
... {u}ck}
\end{center} \vspace{-2mm}
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\vspace{-3mm}
}$

Norderney und der Rest hat sich für heute erledigt, wir könnten nach Baltrum fahren oder direkt auf Langeoog bleiben. Wo wir nun schon mal am Paddeln sind, fahren wir also hinüber nach Baltrum -- allerdings bloß um festzustellen, dass wir uns hier totochsen würden beim Versuch, unsere Boote über den eine halbe Meile breiten Strand an die Dünen zu bringen. Also machen wir uns wieder auf den Rückweg, um auf Langeoog zu übernachten und am folgenden Tag wieder nach Spiekeroog zurück zu fahren.

Wir errichten unsere Heimstatt auf dem Zeltplatz ``Corosion Corner'' und versammeln uns wieder, um den Tag und den See Wetterbericht Revue passieren zu lassen. Dummerweise gibt Detlev's Radio jedoch seinen Geist auf. Aber zum Glück habe ich auch noch eines dabei -- nur geht leider just in diesem Moment meinen Batterien die Luft aus. Aber zum Glück hat Eckart noch ein paar Ersatzbatterien dabei. Hatte noch jemand Fragen, warum es von Vorteil ist, in einer Gruppe zu fahren?


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Mathias-H. Weber