Im Hafen von Langeoog haben wir uns gerade von der Rampe gemacht, als ein mächtiger Dampfer um die Ecke biegt und auf diesen seinen angestammten Landeplatz zustampft. Das nenne ich exaktes Timing! Der See- hat ebenso wie der Land-Wetterbericht bedeckten Himmel und Regen für heute angekündigt, was sich aber nicht im geringsten mit der eigenen Beobachtung deckt. Die Sonne strahlt dermaßen intensiv, dass ich mir von Gunnar meinen Südwester heraus kramen lasse und mich unter letzterem verstecke. Wieder schlägt mir nur mühsam versteckter Neid entgegen: Eckart hätte liebend gerne auch so ein tolles Ding, traut sich aber natürlich nicht, das so direkt zuzugeben und murmelt statt dessen irgend etwas von ``Erschreckend!''.
Unsere gestrige Tourplanung hat für heute ergeben, dass wir uns durch das Langeooger Wattfahrwasser nach Spiekeroog arbeiten werden. Wir hoffen, dass unser Timing auch weiterhin so perfekt stimmt. Dann müsste uns das jetzt noch auflaufende Wasser schiebend unterstützen und wir das Wattenhoch erreichen, wenn die Tide kippt.
Ich soll die Truppe diesmal führen und zwar bis zum Strand von Spiekeroog. Gerd sieht sich die Strecke auf der Karte an und findet, dass es eine ziemlich lange Strecke ist, die man schlecht ohne Brotzeit überstehen kann. Aber Werner hat gut aufgepasst und verweist auf die amtliche Seekarte: ``Ne, Gerd, isī nich! Sieh mal, wie die Tonnen hier heißen: OB -- Ohne Brotzeit!''.
Bei derart guter Sicht und vollkommen harmlosem Wetter ist das Führen keine große Tat. Interessant ist aber wieder, dass die auf der Karte nicht zu verwechselnden Inseln Langeoog und Spiekeroog aus der Kajakperspektive als eine durchgehende Küstenlinie erscheinen und ich sie anfangs erst gar nicht voneinander trenne. Erst als Detlev mir mal wieder eine Frage stellt, findet das Gatt zwischen den Inseln auch in meine Vorstellung Eingang.
Am Strand von Spiekeroog kommt Gerd endlich zu seiner ersehnten Brotzeit. Zwar scheint die Sonne aus vollem Halse, aber die Luft ist doch recht frisch vor allem wegen des strammen Windes. Heute müssen wir noch Schleppen, Paddelschläge üben und schließlich unsere Rettungsübungen nachholen. Die Zeit dafür haben wir reichlich. Am Strand erhalten wir erstmal eine Einführung in die Theorie des Abschleppens.
Nach unserer gemütlichen Pause peilen wir die Tonne OB10 an und wollen dort das eben Gelernte in die Praxis umsetzen. Wir machen die große Aktion: einer ist schleppbedürftig, einer leistet seelischen wie mechanischen Beistand, zwei schleppen und einer spielt den Schnacker, der alles koordiniert. Es läuft soweit ganz zufriedenstellend, nur die Schleppleinen verheddern sich bei fast jedem irgendwo in den Dingen, die auf dem Achterdeck verstaut sind.
Nachdem jeder mal geschleppt, gestützt oder geschnackt hat, gehen wir zu den Paddelschlägen über. Während wir so vor uns hin üben, treibt uns die Strömung immer wieder in die Fahrrinne, so dass wir irgendwann beschließen, uns eine gemütlichere Stelle auf der anderen Seite zu suchen. Renate wird führen. Erst paddeln wir auf einen Sand zu, aber da braust es doch zu stark. Renate beobachtet das mit gehörigem Respekt und dreht immer mehr bei bis wir schließlich genau parallel zur fernen Brandung fahren. Aus mir anfangs unerklärlichen Gründen scheinen wir dieser Brandung aber trotzdem näher zu kommen.
Detlev und Eckart, die der Brandung am nächsten sind, kommen kurz zur Beratung zusammen und rufen uns dann zu sich. Sie meinen eine harmlose Stelle gefunden zu haben, durch die wir problemlos hindurch fahren können. Als wir uns auf die beiden zu bewegen, merken wir, dass wir plötzlich mitten in der Brandungszone sind. Mir wird mit einem Mal klar, dass nicht wir auf sie zu gefahren sind, sondern sie sich durch das ablaufende Wasser auf uns zu bewegt hat. Für den Effekt ist das allerdings unerheblich.
Ein greller Schrei schrillt über die Nordsee -- Renates Schiff wird hinten von einem mächtigen Brecher angehoben und die Besatzung in den Teich gekippt. Werner ist gleich bei ihr und legt Hand an. Eckart übernimmt diesen Teil der Gruppe und verständigt sich mit Detlev, dass der die anderen in sichere Gefilde führt.
Während wir so von den Dreien fort paddeln, drehen wir uns hin und wieder um. Irgendwann erkennen wir, dass Eckart Schwierigkeiten signalisiert. Gunnar, der am dichtesten dran ist, eilt schließlich zur Hilfe. Gemeinsam mit Eckart schleppt er Renate im offenen Boot und Werner als ``Schiffshalter'' aus der Gefahrenzone. Das klappt so gut, als hätten wir diese Situation eben erst geübt!
Als Eckart sich aus dem Schleppverband löst, können wir live beobachten, wozu ein sauberer Paddelstil im Stande ist: Zügiges Fahren ist kommandiert worden und obwohl Gunnar Renate alleine schleppt, fährt er uns allen davon.
Nachdem ihr die Umstände erneut übel mitgespielt haben, hätte ich eigentlich eine etwas entnervte Renate erwartet. Aber die war nur unheimlich froh, dass sie dieses beklemmende Gefühl los ist, im Ernstfall nicht allein aus dem Boot zu kommen -- sie hatte die Spritzdecke vollkommen ohne Probleme öffnen können. So können wir also noch die angefangenen Übungen weiterführen und das Resultat unseren beiden Inquisitoren zur gefälligen Begutachtung und Prüfungsabnahme vorführen.
Am Abend treffen wir uns für ein letztes Mal im Küchenzelt der SaU, um Erleben und Erleiden Revue passieren zu lassen, Lob und Kritik loszuwerden und dem See-Wetterbericht zu lauschen.
Morgen soll Wind 5-6 später 6 aus Südost herrschen. Diesig. Unsere Vorturner stellen drei Optionen zu Wahl. Eine davon läuft auf ein Aufstehen um drei Uhr nachts hinaus. Einige Wahnsinnige bekunden ihr Interesse für diese Option, aber am Ende siegt doch die Vernunft und wir können ausschlafen.